Ehrung eines Neugierigen

Alice Müller

Im Dezember 2008 wurde dem Schriftsteller und Übersetzer Hans-Henning Paetzke das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland verliehen, im Volksmund auch Bundesverdienstkreuz genannt. Der Geehrte ist ein ungewöhnlicher Zeitzeuge.. In seinem Roman „Blendwerk –Versucher und Versuchte“, erschienen im vergangenen Sommer, taucht er in die ungarische Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts ein, entwirft ein Panorama von Schicksalen, die oft im Wechsel auf der Seite von Gewinnern und Verlierern der ungarischen Geschichte des vergangenen Jahrhunderts stehen. Leo Kleinschmidt, das Alterego des Autors, will Bindeglied zwischen den widersprüchlichen Schicksalen sein. Während seinen Beobachtungen wird er hineingezogen in Vergangenheit und Gegenwart, macht sich auch selbst schuldig. In seiner unbändigen Neugier verstrickt er sich im Alltag auch selbst in zweifelhaftes Verhalten. Möglicherweise ist es die Sichtweise des verblüfften Außenstehenden, die sich so äußert: „Ungarn ist ein kleines Land, in dem die Strukturen so übersichtlich sind, daß man dort das sozialistische System in der Sowjetunion und den anderen Satellitenstaaten begreifen konnte.“ Es hat für den Autor Modellcharakter, der dank seinem Hang zum politischen Außenseiter zu Menschen Zugang fand, die ihm glichen, sich außerhalb der Gesellschaft stellten und dadurch ein prägendes Element der von ihnen abgelehnten politischen Wirklichkeit geworden waren.

1943 in Leipzig geboren, hat Paetzke als Kleinkind das Dritte Reich erlebt, dessen Untergang (dessen damit verbundenen Bomben der Alliierten er eine lange Stummheit zu verdanken hat), als Heranwachsender die DDR, als Student und Mitarbeiter eines halboffiziellen Blatts, der deutschsprachigen Budapester Rundschau, das sozialistische Ungarn und nach seinem „Wegzug“ aus Kádárs fröhlichster Baracke im Ostblock die Bonner Republik. Auf die Frage, wie es für ihn sei, in dem wiedervereinigten Deutschland geehrt zu werden, meint er: „Staaten kommen und gehen, die Menschen und Städte bleiben, sie sind es, die mich interessieren, die Überlebensstrategien in einem übermächtig werdenden Staatsgebilde.“

Die Korrelationen zwischen Staat, Kultur und Sprache führen dazu, dass er Deutschland und somit die DDR als seine geistige Heimat bezeichnet, auch wenn er das „sozialistische Deutschland“ mit seinem Ideologieterror immer gehasst habe. Aber gerade seine Auflehnung gegen das Regime hätten seine Persönlichkeit geprägt und sein Leben bestimmt. In diesem Sinne sei er ein DDR-ler und diesem Nachkriegsgebilde zu tiefem Dank verpflichtet.

Paetzke gehört nicht zu jenen, die sich nach der Vergangenheit sehnen. „Natürlich ist eine Demokratie viel sympathischer als eine Diktatur“ sagt er und zwinkert schelmisch. Die Tatsache, dass die beiden ersten Teile seiner Romantrilogie „Blendwerk“ („Die gelöste Zunge“ und „Versucher und Versuchte“) vor allem in Ulbrichts und Honeckers DDR und Rákosis und Kádárs Ungarns angesiedelt sind, ist der persönlichen Erfahrung geschuldet. Es ermöglicht ihm, die menschlichen Tiefen und Abgründe aufzuzeigen, die in Krisenzeiten sichtbar werden. „Extreme Situationen führen zu extremen Verhaltensweisen“. Ihn habe in diesem Roman der mögliche Rollenwechsel von Opfern und Tätern beschäftigt. „Auch der spätere stalinistische Täter Rákosi war Opfer, als er unter Horthy im Gefängnis saß.“ Auf die Frage, ob es für ihn schwierig sei, Jugendlichen solche Themen nahe zu bringen, die Diktaturen selbst nicht erlebt hätten, erwidert er, dass natürlich jede Generation ihre eigene Sprache habe, die auf einem von Zeitumständen bestimmten Kreis von Erfahrungen beruhe. Seiner Ansicht nach könne sich aber jeder, der neugierig genug auf seine Umwelt sei, auch ausserhalb der eigenen Vergangenheit bewegen. Das Problem sei, dass viele Menschen nicht bereit seien, die Erinnerung in ihre Lebensstrategien einzubeziehen und sich deswegen häufig der Geschichte verweigerten. Dabei könnte Erinnerung wichtige Entscheidungshilfe leisten. Kádár beispielsweise habe den Wohlstand in Ungarn über Kredite finanziert. Nun, unter den Nachwenderegierungen sei es nicht viel anders, dem ausgeprägten Sozialsystem stehe ein wachsender Schuldenberg gegenüber.

Was ihm das Bundesverdienstkreuz bedeute? Eine Ehrung ist immer angenehmer, als durch Nichtachtung bestraft zu werden. Warum er diese Auszeichnung erhalten habe? Etwas lapidar entgegnet er, er habe ein Alter erreicht, in dem solche Dinge manchmal fast schon von selbst kämen, sofern man zuvor ein fleißiger Weinbergarbeiter gewesen sei. Wenn es einzig um seine Leistungen ginge, hätte man ihm diese Ehrung auch schon früher überreichen können. Bisher habe er aus dem Ungarischen über 70 Werke ins Deutsche übersetzt. Ebenso wie bei seinen Romanen, sei es auch beim Übersetzen die Lust am Erzählen gewesen, die ihn angetrieben habe. „Die“ Ungarische Literatur zu vermitteln, sei nie sein Ziel gewesen, ihn hätten immer nur einzelne Werke einzelner Autoren interessiert. Nach sprachlichen Schwierigkeiten und Unterschieden zwischen Genres gefragt, sagt er, sein Maßstab sei, ein gutes Buch zu übersetzen. Deshalb sei Übersetzen für ihn ein ebenso schöpferischer Prozeß wie das Verfassen eines eigenen Romans.