Versucher und Versuchte

György Dalos zum Roman

Hans-Henning Paetzkes unermüdliches Erzähltalent schöpft in Versucher und Versuchte aus dem Fundus jener Mythologie des Ostblocks, in der die unzähligen Geschichten vom Schicksal des einzelnen die Geschichte schlechthin ausmachen. Allerdings geht der Autor in Versucher und Versuchte weiter als in seinem früheren Werk: Er entwirft über die parallelen Lebensläufe jener Personen, die den Protagonisten Leo Kleinschmidt begleiten (angesichts der vorwiegend erotischen Natur der Versuchungen des Erzählers sind es zumeist Frauen) ein Fresko der späten Phase des real existierenden Sozialismus in Ungarn und Westdeutschland, in der DDR und in Polen. Opfer und Täter, Fanatiker und Zyniker, Machtmenschen und Dissidenten spielen gemeinsam das Endspiel des Systems, dessen moralische Erosion viel früher als der materielle Zerfall sicht- und spürbar wurde. Die Mosaiktechnik dieser Prosa, die stets wechselnde Perspektive der verschiedenen Zeit- und Handlungsebenen lassen eine Welt entstehen, über deren Alltag ein merkwürdiges Verhängnis schwebt. Der  Zusammenbruch der Diktatur läßt Paetzkes Haupthelden Leo Kleinschmidt gleich nach dem euphorischen Augenblick der Befreiung die Frage stellen, wie nun das Leben weitergehen soll. Möglicherweise ist dies auch die Frage des Autors an sich selbst, nämlich wie seine vielschichtige, mit autobiographischen Elementen verwobene Geschichte ihren weiteren Lauf nehmen wird.“