Versucher und Versuchte

Einführung in einen Roman

1989, kurz vor dem Fall der Berliner Mauer, lernt Leo Kleinschmidt in einer Gesellschaft, deren Hauptfiguren ein berühmter polnischer Stotterer und eine aus dem Zuchthaus entlassene RAF-Terroristin sind, eine Polin kennen: Teresa. Wie der sprichwörtliche Blitz aus heiterem Himmel trifft es beide. Sie verlieben sich unsterblich ineinander. Noch freilich wissen sie nicht, daß ihre Liebe, eine Jagd nach absoluter Erfüllung, unlebbar ist. Doch hier beginnt bereits eine neue Geschichte.

Im Mittelpunkt von Versucher und Versuchte steht Leo Kleinschmidts Beziehung zu Rahel, Julius Bálints Tochter, und zu Miriam, der Tochter eines berühmten Professors, der auf Geheiß der Partei die republikflüchtige Tochter aus der Schweiz zurückholen muß.

Nach Gefängnis und Irrenanstalt in der DDR begeht der fünfundzwanzigjährige Erzähler Leo Kleinschmidt (ich, ein anderer!) 1968 „Republikflucht” nach Ungarn. Seine Vergangenheit, die persönlichen und politischen Erniedrigungen, die Erinnerung an seinen Großvater, den Gestapo-Offizier, an seinen Vater, den gläubigen Nazi, der infolge des Zusammenbruchs auch selbst zusammengebrochen, krank geworden und erblindet ist, an seine Mutter, die den Ehemann dank ihrer Weitsicht und Anständigkeit vor aktiver Beteiligung an Verbrechen bewahrt hat, an seine jüdische Großmutter, die Selbstmord begangen hat, schleppt er mit sich. Mit all dem hat der Leser bereits in dem autobiographisch gefärbten Bericht Die gelöste Zunge – Ein Leben unter Fremden Bekanntschaftgemach

Leo Kleinschmidts Leben in Ungarn findet in mehreren Welten statt, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Er macht, nachdem er ungarisch gelernt hat, als Übersetzer Bekanntschaft mit einer fremden Literatur, zu der er sich alsbald hingezogen fühlt. Er lernt Juden kennen, die Auschwitz überlebt haben und von dort in eine feindselige Umwelt zurückgekehrt sind. Er lernt eine Deutsche kennen, die in den dreißiger Jahren zum Judentum konvertiert ist, deren Bruder als glühender Nazi Redakteur des nazistischen „Stürmer“ gewesen ist. Er lernt Menschen kennen, die als 56er Revolutionäre zum Tode verurteilt und begnadigt worden sind. In der Redaktion einer deutschsprachigen Zeitung macht er Bekanntschaft mit Grafen, Baronen, Spanienkämpfern, Spitzeln und Bespitzelten.

Leo Kleinschmidts erste Westreise 1971 von Budapest aus führt ihn mit einem DDR-Paß nach Österreich, Westdeutschland und Paris. Die Bindungen zu seiner Frau lockern sich trotz eines gemeinsamen Kindes. Der Sinn steht ihm nach anderen Frauen. Gizellas beste Freundin umgarnt ihn. In der Redaktion nähert er sich Miriam, die ein Hauch von Tragik zu umgeben scheint. Ihre Unnahbarkeit, ihre Schönheit und Klugheit, ihr Alkoholismus und ihr Wesen, das sich durch eine Art ständiges Schweben der Neugier der anderen entzieht, wecken Leo Kleinschmidts Interesse.

Der Schwager gelangt im Zuge eines Priesteraustauschs nach Ostdeutschland, wo er der katholischen Kirche den Rücken kehrt, um sein Beichtkind, eine Studentin der Musik, heiraten zu können. Sie entscheiden sich dafür, ihren Lebensmittelpunkt in der DDR  aufzubauen.

Emotional führt der Priester ein Doppelleben: als Dirigent eines ungarischen Kirchenchors und IM. Einerseits quälen ihn wegen der Untreue gegenüber seiner Kirche Gewissensbisse, andererseits zeigt sich alsbald, daß er im zwischenmenschlichen Bereich rücksichtslos eigene Interessen durchzusetzen vermag. Die junge Frau vertraut ihm ihre Lebensgeschichte an, ihr Leben. Sie stammt aus einer Musikerfamilie. Von frühester Kindheit an ist sie vom Vater mißbraucht worden. Mit Wissen und Assistenz der Mutter.

Leo Kleinschmidt hat sich als Übersetzer ungarischer Literatur nicht wirklich etablieren können. Das, die ausweglose Wohnungssituation, die laschere Form der Diktatur des Goulaschkommunismus und die unheilvolle Verstrickung in eine Dreiecksbeziehung lassen eine Atmosphäre entstehen, die ihn dazu bewegen, für sein Scheitern auf allen Ebenen, die ihm wichtig erscheinen, einen Ausweg zu suchen. Mit Hilfe eines falschen Passes verläßt er 1973 das Gastland Ungarn über die tschechoslowakische  und deutsch-deutsche Grenze und setzt sich in den Westen ab.

Beruflich geht es aufwärts. Erste Beziehungen zu Auslandsungarn werden geknüpft. Unter ihnen finden sich zwei ehemalige Mitangeklagte des berühmt-berüchtigten stalinistischen Schauprozesses, des Rajk-Prozesses von 1949. B. lebt in London, H. in den USA. Sie beide verschaffen ihm einen Zugang zum Verständnis des kommunistischen Terrors der vierziger und fünfziger Jahre in Ungarn. Besonders H., der als Technokrat für den ungarisch-sowjetischen Friedensvertrag mit Stalin und für die Geheimverhandlungen mit Benes verantwortlich zeichnet, überzeugt Leo Kleinschmidt davon, daß Opfer und Täter gelegentlich austauschbar seien. H. ist es auch, der Leo Kleinschmidt einem ehemaligen ranghohen Staatssicherheitsdienstler empfiehlt, Julius Bálint, der Ende der vierziger Jahre mitverantwortlich zeichnet für die Verhaftung freiwilliger Genossen für den Galgen, bevor er dann in einem von Stalin angeordneten Zionistenprozeß ebenfalls geopfert werden soll.

Julius Bálints Leben ist ein tragischer Irrtum gewesen. Ihm bleibt nur Zynismus. Seine einzige Tochter wird in Westdeutschland Leo Kleinschmidts Geliebte. Reden über seinen Irrtum wird Julius Bálint nie. Leo Kleinschmidt ist ihm schon Anfang der siebziger Jahre in einem Lexikonverlag begegnet. Er erinnert sich an die gespenstische Atmosphäre, wie sie schon seinen Großvater umgeben hat, auch wenn der kein Zyniker, sondern ein Überzeugungstäter gewesen ist.

Nach dreijährigem Einreiseverbot  darf Leo Kleinschmidt 1988 wieder nach Ungarn einreisen. Die Kerze von Kádárs Macht flackert nur noch. Leo Kleinschmidts eingeschmuggelte Druckmaschinen für den Freundeskreis der demokratischen Opposition haben ein wenig zum Niedergang des Kommunismus  beigetragen. Am 6. Juli 1989 schließt der greise Parteichef die Augen; drei Wochen nach der Wiederbeerdigung seines Opfers Imre Nagy. Er muß erleben, wie seinem Widersacher noch viel mehr Menschen die letzte Ehre erweisen, als dies im Oktober 1956 bei László Rajk der Fall gewesen ist.

Leo Kleinschmidt weiß nicht, wie es weitergehen soll. Er läßt sich treiben, weg von der Erinnerung an Miriam, weg von Gizella, hin zu Teresa, die ihm bisher nie gekanntes Liebesglück verheißt. Wieder verspricht ihm das Schicksal ein neues Leben, diesmal nicht in Ungarn, sondern im Land seiner Väter, in Polen. Leo Kleinschmidts unstetes Wesen hetzt von Ufer zu Ufer, von Stadt zu Stadt, von Land zu Land, von einem Buch zum nächsten, von Autor zu Autor, von Körper zu Körper, von Frau zu Frau, von einer Geliebten zur anderen. Wird Teresa die letzte Frau in seinem Leben sein, seine letzte große Liebe?