"Versucher und Versuchte"

Auszug aus dem Roman

Roman "Versucher und Versuchte" von Hans-Henning PaetzkeLeo Kleinschmidt genießt die neue Freiheit, die Qualen und Freuden, die Höhen und Tiefen, die ihm die neue Geliebte, die fremdartigen akustischen Signale, beschert, Möglichkeiten, andere Menschen kennenzulernen, Intellektuelle und Künstler von Format, wie er sie in Ostdeutschland nur selten getroffen hat und ihnen schon gar nicht freundschaftlich verbunden gewesen ist. Hier in Ungarn ist alles anders. Die Gesellschaft funktioniert wie ein offenes Kastensystem. Gewährt man dir Einlaß, dann fallen die Schranken, die Grenzen des Alters, die Grenzen zwischen den Lebensläufen.

Als der sechsundzwanzigjährige Leo dem fünfundsiebzigjährigen Andor Einstein begegnet, dem altgedienten Lektor eines Verlags, der mit staatlicher Unterstützung deutschsprachige Literatur herausgibt, versteht es sich von selbst, daß der alte Herr, der stets eine Fliege trägt, den verunsicherten, strebsamen Jüngling duzt. Bei jeder Zusammenkunft zaubert er aus der unteren linken Schublade seines Schreibtisches eine Schachtel Zigaretten hervor, um vor der Arbeit und vor harscher Kritik erst einmal die Friedenspfeife zu rauchen. Leo ist verblüfft, kann es nicht fassen, daß die Etikette ihm gestattet, ja verlangt, den alten Mann zum Zeichen der gesellschaftlichen Gleichberechtigung und Ebenbürtigkeit gleichfalls zu duzen. Es dauert Monate, ehe er auf seine verschlungenen Satzkonstruktionen, die es ihm ermöglichen, die Anrede zu umgehen, verzichtet. Andors Leben, das eines Holocaustüberlebenden, fasziniert Leo, der nach Anerkennung des Älteren giert, die der ihm allerdings erst gut zehn Jahre später nicht mehr versagt.

Zur Faszination gesellt sich Angst, die Angst eines Nachkommen von Tätern. Daß Leo selbst nie ein Täter gewesen ist, macht sein Schuldgefühl nur noch verworrener. Scheint doch das nazistische Geschwafel vom Blut, vom Blut der Ahnen, der Sippe, auch in der Argumentation der Opfer auf, die davon überzeugt sind, daß der Herr ein eifriger Gott sei, der da heimsucht der Väter Missetat an den Kindern bis in das dritte und vierte Glied.

Andor befremdet der Gedanke der Kollektivschuld, er weiß nur von einzelnen, die sich mit Rückendeckung eines verbrecherischen Staatsapparats schuldig gemacht haben, zu Schreibtischtätern, vielleicht sogar zu Massenmördern geworden sind. Sein deutscher Schwager könnte ein solcher einzelner gewesen sein. Als Redakteur eines 1923 gegründeten Wochenblatts der antijüdischen Kampfpresse versuchte er, durch eine stramm deutsche intellektuelle Haltung die Scharte auszuwetzen, die er seiner nur ein Jahr älteren Schwester Elsa zu verdanken wähnte; Elsa Keller hatte sich in einen ungarischen Musiker, einen Juden, verliebt. Eine Schande, für deren Beschreibung dem Bruder, wollte er nicht ausfällig werden, die Worte fehlten.

Es sollte noch schlimmer kommen. Anfang der dreißiger Jahre wanderte Elsa Keller nach Ungarn aus, trat zum mosaischen Glauben über und heiratete den Itzig. In einer Zeit, da deutsche Volksgenossen längst die Zeichen der Zeit erkannt hatten und die Juden am liebsten zurück ins Meer oder wenigstens nach Madagaskar getrieben hätten.

Die ab 1933 staatlich sanktionierten Ausschreitungen gegen die jüdischen Mitbürger, so auch die nazistischen Angriffe auf einen Berliner Großverlag und 1934 den erzwungenen Verkauf an einen NSDAP-Verlag erlebte Elsa, einst Sekretärin des ausgebooteten Verlegers, bereits in der Wahlheimat Ungarn.

Des Verlegers robusten und wuchtigen Sessel, dessen Schonbezug Jugendstilmotive zieren, rettete Leo Kleinschmidt Ende der siebziger Jahre aus dem Keller eines Pekunischen Erben des nach dem Zweiten Weltkrieg an die Eigentümer zurückgegebenen Verlagsimperiums vor der endgültigen Verrottung. Zwar hat sich Leo nie dazu entschließen können, es dem alten Verleger gleichzutun und in dem Sessel seinen Mittagsschlaf zu halten, dafür aber hat er zwei Imitationen in seinem Haus auf dem Berg und zwei weitere in Budapest herstellen lassen, die nun in seiner ungarischen Wohnung ihren Platz gefunden haben, während das Original bei Gizella, seiner geschiedenen ungarischen Frau, geblieben ist, die sich nicht hat entschließen können, wie Leo Kleinschmidt 1994, nach Ungarn zurückzukehren.

Elsa, ein deutsches Urgestein, hat es nie geschafft, sich das Ungarische im konventionellen Wortsinn anzueignen. Zwar versuchte sie, sich beider Sprachen zu bemächtigen, der einen, die ihr in die Wiege gelegt worden war, ebenso wie der anderen, die schicksalhaft ihren Weg gekreuzt hatte, doch es schien, als bemächtigten sich die Sprachen der zierlichen Frau, die mit ihrem Mundwerk und der nie verglimmenden Zigarette zwischen den Lippen einem Dragoner alle Ehre gemacht hätte. In keinem einzigen Satz ließ sie eine Benachteiligung der jeweils anderen Sprache zu. Sie redete ein Kauderwelsch, aus dem sich ihre Gesprächspartner, je nachdem, welche Sprache sie beherrschten, das herausnahmen, was für sie bestimmt beziehungsweise zu verstehen war.

Diese Wendigkeit, mit der sie von einem zum anderen hastete, ohne vorher zu wissen, in welcher Sprache das nächste Wort aus ihr hervorsprudeln würde, mochte es ihr auch ermöglicht haben, die Entscheidung darüber, welcher Religionsgemeinschaft sie angehören wollte, der evangelischen oder der mosaischen, spontan zu treffen. Um ihrem von arischer Rassereinheit besessenen Bruder einen Denkzettel zu verpassen!

Im Vorbereitungsunterricht auf den Übertritt zum Judentum hatte ihr der Rabbi fast abraten wollen, da sie alles durcheinanderbrachte und sich nichts merken konnte. Nur dem guten Namen ihres Zukünftigen hatte sie es zu verdanken, daß der Rabbi dem Brautpaar schließlich seinen Segen erteilte und ihnen den Zugang zur Chuppa, dem Trauungszelt, gestattete. Ein Glück, daß im Zuge der Trauungszeremonie der Bräutigam und nicht sie die entscheidenden Worte zu sagen hatte: „hare at mekuddeschet li betaboat so kedat Mosche wejisrael” - durch diesen Ring seiest du mir angetraut nach dem Gesetze Moses und Israels.

Die Hochzeitsgesellschaft bestand nur aus einigen wenigen alten Freunden und Verwandten des Bräutigams. Aus Deutschland war niemand angereist. Elsas Eltern waren längst verstorben; der Vater auf dem Feld der Ehre in Frankreich, die Mutter hatte die Schwindsucht dahingerafft. Den Eltern des jungen Ehemannes war es nicht viel besser ergangen als den Schwiegereltern. Das frühe Verwaistsein der beiden Liebenden und das Aufwachsen bei Verwandten, die sich liebevoll um die Kinder kümmerten, hatte ein unsichtbares Band zwischen den beiden gewebt, das sie fest umschlang, als sie die kleine Synagoge in der Dessewffy utca verließen und zu Fuß durch die Hajós utca in die nahegelegene Andrássy út zogen, wo sie von nun an eine herrschaftlich zu nennende 6-Zimmer-Wohnung im ersten Stock beziehen werden. Wenige Schritte vom Opernhaus und zehn Minuten von der Musikakademie entfernt, wo Elsas Mann Geigernachwuchs ausbildet, Béla Bartók und Zoltán Kodály zu seinen Kollegen zählen.

In der Andrássy út wird die Hochzeitsgesellschaft von einer aus vier Klesmerim bestehenden Kapelle erwartet, die mittels Geige, Flöte, Kontrabaß und Cymbal für die entsprechende Feststimmung sorgen. Zu vorgerückter Stunde kann Elsas junger Ehemann der Versuchung nicht widerstehen und holt seine Geige hervor, um sich unter die Musiker zu mischen.

Nachdem sich das junge Pärchen ins Brautgemach zurückgezogen hat, wird das, worauf sich die Sinne in der Hochzeitsnacht üblicherweise richten, vollzogen und auch nicht. Elsa fordert den Bräutigam unmißverständlich auf, sie nicht zu beflecken, das sei unmoralisch und scheußlich. Außerdem würde ihm dadurch das Hirnwasser entzogen, was am Ende gar zur totalen Verblödung führen könne. Elsas Mann, Miklós Kern, der überall auf der Welt, wo er Konzerte gegeben hat, die Nähe zu zweifelhaften Weibsbildern gesucht hat, dürfte, so könnte er bei sich denken, wäre er nicht zu verliebt, um sich darüber jetzt Gedanken zu machen, schon gar keine Gehirnmasse mehr haben, sein Gehirn müßte zusammengeschrumpft sein und einer Backpflaume ähneln.

Elsa erlebt in dieser Nacht sogar mehrmals das, was man als Höhepunkt zu bezeichnen geneigt ist, während der Ehemann leer ausgeht, da er sich aus Liebe und Angst, seine Liebste zu verletzen, dessen enthält, wonach es ihn naturgemäß drängt, sich Erleichterung zu verschaffen. In den folgenden Jahren gelingt es ihm nur selten, Elsa eine solche Unappetitlichkeit anzutun, ohne daß diese das nicht mit einem vorwurfsvollen Zusammenziehen der Augenbrauen quittieren würde, was keineswegs heißt, daß sie auf die Freuden des Ehelebens, sofern es um ihren Anteil daran geht, verzichten möchte.

Einfach ist es nicht, sich in ihrem Verlangen nach Zärtlichkeit zurechtzufinden. Wenn Miklós sie küssen will, preßt sie reflexartig den Mund zusammen. Nur selten öffnen sich die Lippen, um sie im Sinnengenuß mit den seinen zu vereinen. Nähert sie sich allerdings höchsten irdischen Freuden, dann verlangt es sie unwiderstehlich und fast gebieterisch nach seinen feuchten Küssen. Doch wehe ihm, wenn seine erotische Spannung zu früh nachläßt! Dann kann sie durchaus böse werden, und es kann vorkommen, daß sie ihn grob auffordert, er solle sie in Ruhe lassen und lieber ins Bordell gehen. Fühlt umgekehrt sie sich als erste im siebten Himmel, entzieht sie sich flugs seinem Streben nach Erfüllung und lacht erleichtert über sein unglückliches und dämlich dreinblickendes Gesicht.

Die Zeiten, Elsas Charakter, ihre schwach ausgeprägte Anpassungsfähigkeit an die neue geistige und geistliche Heimat wirken sich auf das Zusammenleben des jungen Paares nicht förderlich aus. Nach einer anfänglich trotz nicht schönzuredender Probleme harmonischen Beziehung schleichen sich erste Mißtöne ein. Der teutonische Umgangston, die rauhe Herzlichkeit seiner jungen Frau erinnern den Musiker allzu sehr an die Atmosphäre in Deutschland, wo er nicht mehr auftreten darf. Was er an Elsa anfangs als originell empfand, verkehrt sich nun ins Gegenteil. Da hilft auch nicht, daß Elsa bemüht ist, eine treu ergebene Weggefährtin zu sein. Ihre verblüffende Halbbildung wirkt sich zusätzlich ungünstig auf die Chemie zwischen den Ehepartnern aus. Bekannte Musik- und Literaturwerke ordnet Elsa ebenso bekannten Komponisten und Autoren zu, nur daß die einen mit den anderen wenig oder gar nichts gemein haben. Und Fremdwörter haben die Eigenart, aus ihrem Mund sinnentstellt hervorzuschießen oder das Gegenteil vom Gewollten zu verdeutlichen.

Als bedrohlicher aber erweisen sich der vorauseilende Gehorsam von Horthys Ungarn gegenüber dem mächtigen deutschen Nachbarn - die Verabschiedung des ersten ungarischen Judengesetzes - und die Reichskristallnacht. Miklós Kern erkennt die Tendenz eines sich abzeichnenden Stimmungsumschwungs. Aus der Geschichte der Judenpogrome weiß er, daß sie sich immer ankündigen, nie ohne Vorereignisse ausbrechen. Meist beginnt es harmlos mit Neid und Verspotten des Andersseins. Daß längst nicht alle Juden erfolgreich sind, wird gern vergessen. Daß sie unter der Last der Armut ebenso zu leiden haben wie alle anderen, wird nicht zur Kenntnis genommen. Die Erfolglosen wollen den Erfolg der Erfolgreichen. Vor allem den Erfolg der seit Ende des 19. Jahrhunderts emanzipierten Juden, durchaus ignorierend, daß die Götter vor den Erfolg den Schweiß gesetzt haben.

In der Ideologie von einer gerechten Umverteilung ähneln sich, zu dieser Überzeugung gelangt Miklós Kern, Nazis und Kommunisten erschreckend. In der Zeit seiner Gastspiele in Moskau und anderen Städten der Sowjetunion - 1937 - hat er Augen und Ohren offen gehalten. Daß Tausende von Menschen, Tausende von Funktionären, die ihrer Partei und Josef Stalin treu ergeben waren, über Nacht verschwinden, daß die Angst umgeht im Land, bleibt ihm nicht verborgen. Er läßt sich nicht blenden angesichts der Ehre, vom Weisesten aller Führer persönlich empfangen worden zu sein.

Große gesellschaftliche Umwälzungen und expandierende Reiche gingen einher mit Terror, Mord und Krieg. Nicht selten auch mit Kunstfeindlichkeit, die sich in das Gewand einer gigantischen Volksverdummung und verkitschten Kunst hüllten, die in den Dienst des neuen Reichsgedankens gestellt würden. Diese Ansicht ergreift von Elsas Mann Besitz, der zunehmend von dem Wunsch beherrscht wird, Ungarn zu verlassen, möglichst auch Europa, um den Unheil verkündenden Wolken am Horizont zu entgehen. Bartók, dem er sich freundschaftlich verbunden fühlt, denkt ähnlich, obwohl ihn das Judengesetz nicht betrifft, die seit der Judenemanzipation von Jahr zu Jahr zunehmende antisemitische Stimmung dafür um so mehr; sie erschüttert ihn in den Grundüberzeugungen seines Menschseins. Beide spüren sie, daß sich etwas zusammenbraut, womit sie weder aktiv noch passiv etwas zu tun haben wollen.

Elsa ist eine gute Gastgeberin und als solche in Künstlerkreisen beliebt. Ihre intellektuellen Fehlleistungen werden wohlwollend belächelt. Bei ihrem Mann lösen sie immer öfter Verstimmung, ja, Scham aus. Eines Tages spricht er aus, was schon lange in der Luft liegt. Er will Ungarn verlassen, sich in Amerika niederlassen. Daß er nicht darauf besteht, von seiner Frau ins Exil begleitet zu werden, löst bei ihr keine Verwunderung aus.

Elsa hegt schon lange Zweifel, ob sie für eine Ehe taugt, zumal sie sich dessen durchaus bewußt ist, daß es nicht nur bei den Juden als Sünde gilt, sich der Fortpflanzung zu verweigern. Sie ist verwirrt, weiß selbst nicht mehr, ob ihr Bekenntnis zum Judentum eine richtige Entscheidung gewesen ist. Ihr Bruder aus Deutschland, zu dem sie schon seit Jahren keinen Kontakt mehr unterhalten hat, bedrängt sie gelegentlich einer Dienstreise, die ihn nach Budapest geführt hat, sich scheiden zu lassen. Große Dinge stünden bevor. Sollte Ungarn dereinst dem Deutschen Reich einverleibt werden, könne es leicht passieren, daß die Schwester von der deutschen Volksgemeinschaft als jüdischer Schädling ausradiert werden würde. Und das wolle sie doch ihm und dem Andenken der gemeinsamen Eltern nicht antun.

Elsa befolgt den Rat des ungeliebten Bruders und reicht die Scheidung ein. Außerdem teilt sie der Kultusgemeinde ihren sofortigen Austritt mit. Die Nacht zuvor hat sie einen Traum gehabt. In rasender Fahrt springt sie von einem Zug ab, der im Nebel verschwindet, dann plötzlich am Fuße eines glühende Lava speienden Vulkans wieder auftaucht und verschlungen wird. Schon bevor die Reisenden in Lava getaucht und zu Stelen werden, haben ihnen die sich ausbreitenden Giftgase ein qualvolles Ende bereitet. Nach Luft schnappend wacht Elsa schweißgebadet aus dem Alptraum auf. Sie schämt sich ihrer Angst, fühlt sich wie eine Verräterin.

Nach dem Krieg wird sie erzählen, daß sie aus der jüdischen Gemeinde ausgetreten sei, um als Deutsche den Juden besser helfen zu können. Die Rede ist von den Monaten nach dem Einmarsch der deutschen Truppen am 19. März 1944, als die Vernichtung der ungarischen Juden ihren tragischen und nicht wiedergutzumachenden Lauf nahm. Ja, Andor Einstein, den Sohn des betuchten Schnapsfabrikanten, ihren späteren zweiten Mann, dem sie mehr Liebesgenuß gestatten wird als ihrem ersten Ehemann, habe sie zusammen mit Edelgard, dessen erster Frau, vor den Pfeilkreuzlern auf dem Dachboden versteckt. Daß sich der Dachboden keineswegs unter dem Dach, sondern im zweiten Stock ihrer neuen Wohnung in der Dessewffy utca gegenüber der Synagoge befunden hat, in der sie zwölf Jahre zuvor getraut worden war, und daß sie sich von Andor für die Vollpension fürstlich bezahlen ließ, ändert nichts an der Tatsache, daß die Hilfsbereitschaft in einer Zeit, da der gelbe Stern für Juden zwingend vorgeschrieben war und sie in Budapest entweder in geschützten Häusern lebten oder aber im Ghetto, nicht ganz ungefährlich gewesen ist.

Nach dem Sturz Horthys, als die Pfeilkreuzler von Hitlers Gnaden am 15. Oktober 1944 die Macht übernommen hatten, um zum letzten Gefecht zu blasen, wurde Budapest, das von Eichmanns Massentransporten nach Auschwitz verschont geblieben war, für viele Juden zum Verhängnis. Willkürlich wurden sie aus den Häusern geholt, auf den Straßen zusammengetrieben und in die Donau hineingeschossen, wo die Leichname flußabwärts schwammen. Das war Elsa nicht verborgen geblieben. Trotz ihrer Angst wuchs sie über sich hinaus.

Andor, der Müßiggänger, dankte es Elsa bis in den Tod, daß er während der Gefahr für sein Leben nicht hatte auf die Straße gehen und so auch den verhaßten gelben Stern nicht hatte tragen müssen. Dank dem Vermögen seines Vaters hatte er es sich leisten können, bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs, von dem er nicht viel hielt, wie überhaupt von Kriegsspielen nicht, in Cambridge Literaturwissenschaft zu studieren, um seine Studien dann in Basel und Genf fortzusetzen, sich dort angenehmeren Beschäftigungen zu widmen als hehrem Gemetzel auf den Schlachtfeldern Europas. Er pendelte zwischen Tennisplätzen, amourösen Abenteuern und Bibliotheken hin und her, erwarb sich wie nebenbei eine umfassende Bildung. Französisch, Englisch und Deutsch waren die Sprachen, die er von zu Hause mit auf den Weg bekommen hatte. Hervorragende Sprachlehrer aus den jeweiligen Ländern vermittelten ihm in seinem Elternhaus polyglotte Fähigkeiten und die Liebe zur Literatur. Deutsch war zugleich auch die Verkehrssprache in der Familie. Ungarisch lernte er als kleiner Junge vom zahlreichen Personal und später in der Schule. In Cambridge, Basel und Genf vervollkommnete er seine Sprachkenntnisse und legte den Grundstein für den Beruf des literarischen Übersetzers, den er als Mittfünfziger ergreifen und vierzig lange Jahre ausüben sollte.

1919, nach den Wirren der Ungarischen Räterepublik, war er zurück in seine ungarische Heimat gelangt. Nicht hoch zu Pferde, auf einem weißen Roß, wie der Reichsverweser Horthy, der mitschuldig geworden ist an der Vernichtung von fast einer halben Million ungarischer Juden und einer nie geklärten Anzahl von Zigeunern, sondern in seinem Sechszylinder-Horch, an dessen rechts befindlichem Lenkrad sein Chauffeur saß.

Das Heimweh hatte arg an ihm gezehrt. Andor Einstein war mit hochfliegenden Plänen zurückgekehrt. Einen Verlag wollte er gründen. Der Vater stellte ihm dafür eine erkleckliche Summe Geldes zur Verfügung, nicht ohne die unmißverständliche Warnung auszusprechen, daß der Sohn nicht mit der Zuteilung weiterer Mittel rechnen solle. Vater Einstein liebte den Sohn, den Kümmerling, um den die Eltern in dessen ersten sechzehn Lebensjahren ständig bangen mußten, den einzigen Jungen unter sieben Kindern, über alles. Doch Herr Einstein war zu sehr Kaufmann, als daß er sich hätte vorstellen können, Geld in ein Faß ohne Boden zu investieren.

Nach zirka fünfundzwanzig Büchern innerhalb von vier Jahren, wunderbaren bibliophilen Ausgaben, in denen die hervorragendsten Lyriker der ungarischen Literatur zu Wort kamen, war das Kapital aufgebraucht, der Verlag am Ende. Andor fand zurück zur Lebensform seiner frühesten Jugend, zum Müßiggang, der nicht wirklichem Nichtstun gleichzusetzen war, denn die Beschäftigung mit Literatur füllte viele Stunden des Tages aus. Von Nichtstun könnte nur deshalb die Rede sein, weil Andor es nicht für nötig befand, seine Vorliebe für Literatur in einen Broterwerb einmünden zu lassen. Selbst als er anfing, unter einem Pseudonym deutsche Literatur ins Ungarische zu übertragen, winkte er nur großzügig ab, wenn man ihm für die geleistete Arbeit ein kleines Honorar anbot. Was durchaus verständlich erscheint, bedenkt man, daß die angebotene Bezahlung unter der Entlohnung dessen lag, die sein Chauffeur von ihm erhielt.

Nach der Befreiung Budapests vom Naziterror durch die Truppen der Roten Armee (ja, es könnte sogar eine Mehrheit der Menschen gewesen sein, die das Kriegsende als Befreiung begriffen, bevor sie aufwachten und eine Fortsetzung des Terrors erlebten, auch wenn die Angst, nur wegen der Zugehörigkeit zu einem bestimmten Volk ermordet zu werden, geschwunden war) nahm Andor die Geschicke der Spirituosenfabrik in seine Hände. Die über alles geliebten Eltern waren zusammen mit anderen Juden Anfang November 1944 unweit der Margarethenbrücke in die Donau hineingeschossen worden. Der Vater hatte sich nicht vorstellen können, daß Gesetz und Ordnung derart außer Rand und Band geraten würden, daß der Pöbel absolute Macht über Leben und Tod gewinnen würde.

Viel Freude am Geschäftsleben fand Andor nicht. Er vergrub sich lieber in seine Bücher, überließ die Geschicke der Firma seinem Prokuristen, der ihm gelegentlich eine größere Summe zur Verfügung stellen mußte, damit er einem mittellosen, ausgebombten Schriftsteller eine kleine Wohnung kaufen konnte. Manchmal schüttelte der Prokurist bedenklich den Kopf, wenn er meinte, der Eigentümer zöge zu viel Kapital für wohltätige Zwecke ab. Andor aber war der Meinung, daß Geld dazu da sei, ausgegeben zu werden, anderen Menschen eine Freude zu machen und zu helfen.

Gegen seine innere Überzeugung, lediglich dem Drängen Elsas, seiner Frau, nachgebend, sparte er ab der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre ein kleines Vermögen an, die Honorare für seine Übersetzungen, die in westdeutschen Verlagen erschienen waren, ließ das Geld auf sein Konto bei einer deutschen Bank überweisen. Wie recht er auch jetzt wieder hatte, zeigte sich nach seinem Tod 1987, als Leo Kleinschmidt von den rechtmäßigen Erben flehentlich gebeten wurde, bei der Suche nach der Bank zu helfen, wo das Geld lagere und sicher nur darauf warte, in die Hände derer zu gelangen, die Andor weder nahe gestanden noch etwas mit Literatur zu tun hatten.

Als er von den Kommunisten, die bei den ersten Wahlen 1945 zwar haushoch verloren hatten, dennoch angesichts der sowjetischen Präsenz an der Macht beteiligt worden waren, um 1950, nachdem sie sich der lästigen demokratischen Parteien mittels einer Salamitaktik scheibchenweise entledigt hatten, enteignet wurde, somit von einem auf den anderen Tag die Grundlagen seiner bürgerlichen Existenz verloren hatte, besann er sich wieder auf die Freuden, die ihm das Lernen bereitet hatte. Mit Mitte fünfzig begann er russisch zu studieren, die Sprache Tolstois, Dostojewskis und Gontscharows, die Sprache der Besatzer. Nach erfolgreichem Abschluß des Schnellehrgangs übersetzte er stalinistische Broschüren der ruhmreichen Sowjetunion ins Ungarische.

Das war so wenig nach seinem Geschmack, daß er lieber lebensgefährlich an Leukämie erkrankte. Die Krankheit zog sich jahrelang hin, endete aber nicht, wie gemeinhin üblich, mit dem Tod, sondern damit, daß er endlich damit begann, was er von nun an bis zum letzten Atemzug tun sollte: Er übersetzt ungarische Literatur ins Deutsche. Romane, Erzählungen und Gedichte. Übernimmt den Stafettenstab von seiner verstorbenen Frau Edelgard, die in den zurückliegenden Jahrzehnten mit ihren Übersetzungen ungarischer Literatur einen kleinen Bücherschrank gefüllt hat. Nicht nur den Beruf des Übersetzers hinterläßt ihm Edelgard, nein, sie verfügt auch die Heirat mit Elsa, der verläßlichen Freundin.

Die beiden fügen sich dem letzten Willen der teuren Verblichenen. Es finden zueinander die philosemitische Christin und der antisemitische Jude, die an libidinöser Liebe wenig, an Freundschaft dafür um so mehr interessierte Deutsche und der am schwachen Geschlecht libidinös, an Freundschaft, die doch kein leerer Wahn für ihn war, ebenso interessierte Jude. Über seinen Antisemitismus spricht er fast nie. Er leidet am eigenen Volk, meint, die Kungelei des Judenrats mit Eichmann und Konsorten habe die Juden zu Komplizen der eigenen Mörder gemacht. Es gebe Situationen in der Geschichte, da es ehrenhafter sei zu sterben, als sich mit Verbrechern gemein zu machen. „Wenn du schon keinen Mut hast, offen Widerstand zu leisten, wenn es schon keinen Sinn hat, offen Widerstand zu leisten, dann darfst du zwar untertauchen, weggehen oder schweigen, ein Kollaborateur aber darfst du in keinem Fall werden. Wenn du zu schwach bist, dich dem Transport ins Gas zu widersetzen, wenn du selbst im Angesicht des Todes noch hoffst, es werde nicht geschehen, was nach menschlichen Wertmaßstäben nicht geschehen könne, dann darfst du auch von der schweigenden Mehrheit der Nicht-Opfer nicht erwarten, daß sie um deinetwillen Heldentaten vollbringen. Darfst nicht erwarten, daß sie, auf der Brücke stehend, während du im Viehwaggon nach Auschwitz transportiert wirst, dir wehmütig hinterherwinken. Auch ist es keineswegs sicher, daß sie dir schadenfroh hinterhergegrinst haben. Vielleicht waren sie ja nur erleichtert, nicht an deiner Stelle zu sein.”