Die gelöste Zunge

György Dalos zu Paetzkes Roman

"Als Ergänzung zum Titelverweis auf Canettis "Die gerettete Zunge" eine Hölderlin-Allusion: "In diesem Lande leben wir wie Fremdlinge im eignen Haus." Der Haupttitel markiert jenen Moment, als das Unterdrückte, jedoch nicht Vergessene nach draußen drängt. Der private Lebenslauf will zur öffentlichen Angelegenheit werden, siehe Goethe: "...Dichter lieben nicht zu schweigen,/ Wollen sich der Menge zeigen./ Lob und Tadel muß ja sein!/..."

Der Übersetzer ist jemand, der sich gern versteckt. H.-H.P. ist einer der eingeweihtesten Dolmetscher der zeitgenössischen ungarischen Literatur. Fiktiven und tatsächlichen Schicksalen hat er seine Sprache geliehen (von Miklós Mészöly bis Béla Szász, von János Pilinszky bis György Petri und Géza Szőcs, von  Péter Esterházy bis György Konrád usw.) Daß er in jene außergewöhnlichen Laufbahnen mit besonders tiefer Empathie einzutauchen vermochte, das ist seinem eigenen höchst wechselvollen Lebenslauf zuzuschreiben.

"Die gelöste Zunge" hat einen Helden: Leo Kleinschmidt. Der Erzähler ist ein Instrument, um Distanz herzustellen. Das Präsens der Geschichte wird durch die sechziger Jahre gegeben. Von hier aus der Rückblick auf die deutsche Vergangenheit und mitteleuropäisches Zusammentreffen. Kleinschmidt, der von der Schule verwiesen worden ist, versucht sich als Schauspielanfänger in einer Kleinstadt der DDR. Einerseits ist er ein Schürzenjäger, wie er im Buche steht, andererseits ist er - zumindest in einer Frage, nämlich in der Ablehnung des Wehrdienstes - ein kompromißloser Oppositioneller des Regimes. So gerät er 1963 in die Fänge der Justiz und in der Folge in verschiedene ostdeutsche Gefängnisse und Lager. Nachdem ihm klar wird, daß er in Ulbrichts Arbeiter- und Bauernstaat nicht nur keine Perspektive hat, sondern daß für ihn dort kein Bleiben ist, sucht er jenen schmalen Pfad, über den er diese Welt verlassen kann. Da sich die illegale Form einer Republikflucht ins "kapitalistische Ausland" als aussichtslos erweist, öffnet sich für Kleinschmidt der ebenfalls steinige Weg nach Osten. Am Horizont scheint Kádárs Ungarn auf."