Die gelöste Zunge

Einführung in den Roman

In zweifachem Wortsinn geht es in dem autobiographisch geprägten Roman um Versager, um Menschen, die sich einer Diktatur versagt haben, und um solche, die individuell oder als Verbrecher wider die Menschlichkeit in ihrem Menschsein versagt haben. Bestandsaufnahme einer Familie über mehrere Generationen hinweg. Bestandsaufnahme einer Gesellschaft und ihrer Verhaltens- und Vorurteilsmuster. Der Romanheld wird mitten ins Dritte Reich hineingeboren, wächst in der DDR auf. Angewidert vom Verhalten und der Sprache seiner sozialistischen Umwelt, einer Sprache, die, wie Viktor Klemperer in seinem LTI anklingen läßt, an die Sprache des Dritten Reichs erinnert, versagt er sich der sozialistischen Ordnung. Gefängnis und Irrenanstalt sind die Folgen seines zivilen Ungehorsams und einer Verstrickung in eine nicht lebbare Liebesbeziehung. Bespitzelung durch die Stasi bis hinein in intimste Bereiche. Eine ganz schön schreckliche Zeit, eine ganz schrecklich schöne Zeit, dennoch aber und vor allem die Zeit der Persönlichkeitsfindung.

Immer wieder rücken die familiären Stränge, die für die Entwicklung des Erzählers Leo Kleinschmidt von großer Bedeutung sein könnten, ins erzählerische Blickfeld. Der Großvater väterlicherseits, ein Deutsch-Nationaler, ein Gestapo-Offizier, verheiratet mit einer Frau, deren polnisch-jüdische Herkunft vertuscht werden kann, so daß die "arischen", polnisch-jüdischen Schwestern dank dem Schwager aus dem KZ geholt werden können, ist ein Stachel in der Seele des Enkels, von dem dieser sich nicht befreien kann. Trotz partieller Menschlichkeit, die sich im familiären Bereich äußert, bleibt die Blutrünstigkeit des Großvaters, wenn von "Andersrassigen" die Rede ist, die sich an Arierinnen "vergangen" haben, eine Tatsache, die es einzuordnen gilt.

Leo Kleinschmidt, 1943 in Leipzig als Sohn eines scheiternden Nazis geboren, der 1968 von Halle/S. nach Ungarn emigriert, laut Karl Eduard von Schnitzler "Republikflucht nach Ungarn begeht", läßt sein Leben Revue passieren, ein Leben am Theater, im Gefängnis, ein Leben im Irrenhaus, im kirchlichen Raum, unter Homosexuellen, mit ihnen, das Auf und Ab in seiner Liebe zu verschiedenen Frauen, schuldhafte Verstrickung in zahlreiche Affären, im Labyrinth zwischen Opfer- und Täterrolle. Auf allen Ebenen umgeben von Spitzeln, die sich lange unerkannt als Freunde und Liebste zu tarnen verstehen. Leo Kleinschmidt ist ein Werdender, ein Anton Reiser, der versucht, sich von der Vergangenheit zu emanzipieren, ohne sie als entscheidenden Bestandteil seines Menschseins zu verleugnen, im Gegenteil, er erkennt die Vergangenheit als ein Moment, dem er Wesentliches seines Selbstverständnisses als Individuum zu verdanken hat. Gerade in seiner Ablehnung der DDR ist seine Persönlichkeit vor allem aus seiner DDR-Vergangenheit zu verstehen und ihr zu verdanken. Gerade in seiner Sehnsucht nach westlichen Freiheitsidealen kann er nicht verhehlen, daß ihn westliche Oberflächlichkeit, die Kultur der Belanglosigkeit, irritiert. Zwei Diktaturen, dem Dritten Reich und dem real existierenden Sozialismus, hat er seine individuellen Verhaltensmuster zu verdanken. Ein schier unlösbarer Konflikt.

Lastet die Schuld der Ahnen auch auf den Nachgeborenen? Wer ist der Erzähler, der sich einer Identifizierung mit seinen "arischen", seinen christlichen Vorfahren ebenso verweigert, wie er sich auch nicht mit der jüdischen Linie identifizieren kann, die mütterlicherseits aufscheint? Geprägt worden ist er durch die Geschichte, durch das, was ihm von der Geschichte bewußt geworden ist, geprägt worden ist er durch die Lebensläufe seiner Ahnen, durch das, was ihm von den Lebensläufen seiner Ahnen vermittelt worden ist. Geprägt worden ist er von seiner privaten und gesellschaftlichen Erziehung. Aber er ist nicht die Geschichte, er ist nicht identisch mit seinen Ahnen, er ist nicht identisch mit den an ihm erprobten Erziehungszielen. Er ist das, was persönliche Anlagen, Geschichts- und Familienbewußtsein aus ihm gemacht haben. Er ist ein einzelner, hineingeworfen in Geschichte und Familie. Vom Ringen, unabhängig davon seinen Platz in der ihn umgebenden Gesellschaft zu finden, davon berichtet der Roman. Aber auch die Selbstfindung in verschiedenen Liebesbeziehungen, Einsamkeit und Egoismus in Verbindungen zwischen zwei Menschen sind ein Thema, das in das Romangeschehen eingebettet worden ist. Das Versagen in der Liebe, die Instrumentalisierung menschlicher Gefühle, die Gefahr, sich echten Empfindungen zu versagen.