Die gelöste Zunge

Vorwort von György Konrád

Pernobilis, Engelsdorfer Verlag 2009

Neu an dieser Lektüre war mir eigentlich die vom Krieg aufgewühlte und durch die sowjetische Präsenz streng kontrollierte ostdeutsche Wirklichkeit, die tatsächlich eine andere gewesen ist als die zeitgleiche ungarische Realität. Wer in Ostdeutschland gelebt hat und dort geblieben ist, erinnert sich an ein und dasselbe möglicherweise anders oder möchte sich zumindest anders daran erinnern. Hans-Henning Paetzke hat seine Position des empathischen Außenseiters zum Mehr an Klarblick verholfen. Er hat sich die Disziplin der zeitlichen Distanz zu eigen gemacht, und der Übersetzer hat sich auf das Erinnern vorbereitet. Weil neugierige Phantasie den jungen Mann nicht nur zu neuen Arbeiten, Büchern und Rollen treibt, sondern auch an die Seite neuer Körper, sieht er sich im reifen Alter die einstige Sexjagd nach und unternimmt keine Anstrengungen mehr, diese Abenteuer geheimzuhalten.

Ein großer Kenner der ostdeutschen Literatur bin ich zwar nicht, aber auf Grund meiner bisherigen Lektüre wage ich, der Ahnung Ausdruck zu geben, daß das Buch meines Freundes auch innerhalb dieses Rahmens Neues bietet. Ich nehme an, daß seine romanhafte Autobiographie die ihm entsprechenden deutschen Leser finden wird, die auch selbst in eng determinierten Situationen die Frage der Entscheidung beschäftigt hat.

Jeder besitzt, wenn er es will, einen Familienroman, wenn er fähig ist, in seinem Vater, in seiner Mutter eine Romanfigur zu entdecken. Hans-Henning Paetzke hat etwas zu erzählen, und er ist empfänglich für die Details, um auch Dinge erzählen zu können, die er allein mit Phantasie nicht hätte hervorzaubern können.

Wahr? Nicht wahr? Dem Autor deshalb auf den Zahn zu fühlen wäre verlorene Liebesmühe. Wenn es wahr zu sein scheint, dann ist es auch wahr. Die umfassende Geschichte eines Menschen besteht aus enorm vielen kleinen Geschichten. Das umherstreifende, sich alles vergegenwärtigende Interesse daran, das wir auch Affinität nennen könnten, beinhaltet immer etwas von jener Ambivalenz, die im Unterschied der Fragen signalisiert wird: Wie war das eigentlich? Und wie hätte das eigentlich sein müssen? Der Erzähler beschreibt und stellt richtig, mit einem Wort, er fabuliert, zerreißt sich gelegentlich auch das Maul. Zeugen von Leo Kleinschmidts Lehr- und Wanderjahren sind wir nicht gewesen. Auch seine Rendezvous haben wir nicht ausgespäht. Heldentaten und Ängste legen jetzt vor der aufnehmenden Phantasie des Lesers ihre Prüfung ab.

Sich an Tote zu erinnern ist leichter als an Lebende. Es kann nicht schaden, wenn der Mensch ein wenig in die Jahre kommt, um zur eigenen Vergangenheit in ungezwungene Nähe zu gelangen. Für Hans-Henning Paetzke bedurfte es dafür einer mehrfachen Emigration und des Falls der Mauer sowie ebensovielen Sich-Entfernens davon, was wir auch als Reise und deren Stationen auf dem Weg zu sich selbst begreifen dürfen. Weit, weit weg und ganz nahe, eine Reise, die einem reifen Menschen merkwürdigerweise Kurzweil verspricht, hat ihre vorbestimmte Zeit.