Die gelöste Zunge

Auszug aus dem Roman

Roman "Die gelöste Zunge" von Hans-Henning Paetzke1943 inmitten befreienden Bombenhagels der heutigen Verbündeten im Leipziger Stadtteil Gohlis in einer Privatklinik geboren, die wenige Tage nach dem erfreulichen Ereignis seiner Ankunft dem Erdboden gleichgemacht worden ist, konnte er noch nicht ahnen, daß er dereinst in der ungarischen Donaumetropole, in Budapest, landen würde.

Daß er dem Samen seines Vaters entsprießen durfte, ist nach freundlicher Auskunft eines seiner Brüder einzig dem egoistischen Wunsch seiner rassisch verdächtigen Mutter zuzuschreiben, sich für die Zeit ihres höheren Alters eine weitere, eine dritte, Option für spätere Besuchsreisen zu sichern. Leo Kleinschmidt, der heranwachsende Fötus, verdankt sein Dasein demnach nicht nur der weihnachtlichen Heilsbotschaft, der Sehnsucht nach Frieden, Liebe und dem schier unstillbaren Verlangen nach einem flüchtigen Gefühl körperlichen und seelischen Glücks, sondern auch dem ihm zugedachten Auftrag, als Mittel gegen drohende Vereinsamung zu wirken. Seine Mutter war von der fixen Idee beherrscht, der Vater könnte aus dem Krieg nicht zurückkehren, in den er hatte ziehen müssen, weil er, der anfangs selbst ein kleiner Führer in der Reichsfilmkammer gewesen war, den anderen hohen Bonzen in ihrem selbst an nationalsozialistischen Maßstäben gemessen nicht immer ehrenhaften Tun Einhalt zu gebieten versucht hatte.

Sieben Jahre nach Leo Kleinschmidts Geburt hielten es seine Eltern, vermutlich um deutschen Patriotismus gegen russische Fremdherrschaft zu demonstrieren, für gut und richtig, ihre drei Söhne, Jahrgang 1938, 1940 und 1943, in der Weißen Kirche zu Leipzig taufen zu lassen. Außer der Taufe, die fast nicht vollzogen worden wäre, weil die Kinder die Wasserspritzer zum Lachen reizten, den Repräsentanten Gottes auf Erden aber angesichts solch unangebrachter Albernheit unwillig werden ließen, verbinden sich mit der Weißen Kirche auch andere Erinnerungen. Nicht zuletzt an Weihnachten 1949 oder 1950, als die drei Jungen wegen des lauen Winterabends in Kniestrümpfen den Weg zur Krippe des Jesuskindes antraten. Und an Einbrüche des mittleren Bruders, der heute in Vorpommern als praktizierender Arzt und Christ seinen Lebensmittelpunkt gefunden hat. Im Keller der Weißen Kirche übte sich Leo Kleinschmidts Bruder als Einbrecher. Von dort ließ er gemeinsam mit einem später bei seiner katholischen Jugend beliebten Priester, den das schreckliche Ende einer rasenden Fahrt in seiner Trabi-Pappkartätsche, um einem Siebenundneunzigjährigen die letzte Ölung zu spenden, schon längst vor seinen Herrn hat treten lassen, Kirchengerät mitgehen, während der sechsjährige Leo Kleinschmidt draußen Schmiere stehen mußte.

Das plötzliche Ende von seines Vaters Reichskarriere hatte diesen vor einer schmutzigen Weste und seine Familie vor der Scham bewahrt. Nach der Einnahme Sachsens durch die Amerikaner und Sowjets im April 1945 logierten einige amerikanische Offiziere in der Villa Kleinschmidt in der Hannoverschen Straße, einem aus drei Villen bestehenden Teilstück, dem Paradies einer Kindheit. Als die Amerikaner dann, wie von den Alliierten zuvor vertraglich geregelt, aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen abgezogen waren, um diese Provinzen den Russen zu überlassen und in Berlin einzumarschieren, quartierten sich bei den Kleinschmidts sowjetische Offiziere ein, ein Journalist und ein Arzt aus Moskau, die sich sehr menschlich verhielten, ganz im Gegensatz zu den Greuelgeschichten, die damals zu hören waren. Gelegentlich versorgten sie die Familie mit Butter, Mehl, Fleisch und Brot, die beiden Brüder mit Fasanenfleisch und ihn, den Fünfjährigen, der gerade erst sprechen gelernt hatte, mit Milch und seiner ersten Papirosa, einer schrecklich stinkenden Zigarette, die sich am besten aus einem Papierfetzen der Prawda oder Iswestija drehen ließ, die linke Hand während der Autofahrt am Steuer, die rechte in der Uniformjackentasche, um die Tabakkrümel in die Zeitung zu befördern.

Leo Kleinschmidts Großmutter mütterlicherseits, eine Nichtschwimmerin, hatte die Ungewißheit über das Schicksal der Familie ihrer Tochter nicht mehr ertragen und sich in der Kleinen Luppe hinter der Klingerschen Villa ertränkt. Leo Kleinschmidt hatten die überstürzte Abreise nach Pommern vor den amerikanischen Bomben und die Flucht vor sowjetischen Angriffen zurück nach Leipzig trotz erster Sprecherfolge für einige Jahre verstummen lassen. Großmutters Schmuck und andere Wertsachen aus der verwaisten Wohnung befinden sich vielleicht auch heute noch in Leipzig im Besitz der Nachkommen guter Nachbarn, die der vom Familienerbe ausgehenden Versuchung nicht hatten widerstehen können. Einzig den guten alten Volksempfänger hatten die Nachbarn auf Drängen von Leos Mutter zurückgegeben. Bis Ende der fünfziger Jahre leistete er mit seinen krachenden und krächzenden Sendungen aus London und dem amerikanischen Sektor von Berlin gute Dienste, bis Mitsche, Leos mittlerer Bruder, nachdem er im Kartenzimmer einer gymnasialen Kaderschmiede ein kleines Feuerchen entfacht hatte, um sich die Hände zu wärmen, weshalb er notgedrungen in einer anderen Stadt im Internat einer ähnlich renommierten Schule untertauchen mußte, das Radio an sich nahm; dank einem unbeherrschbaren Forschertrieb, der es in seine unauffindbaren Einzelteile zerlegte, verschwand es für immer.

 

Das Leipzig seiner Kindheit, das Leipzig seiner Erinnerung, das sind Ruinen in der Landsberger Straße, im Viertelsweg, in denen sich angeblich Mörder verschanzt hatten, vielleicht auch nur wahnsinnig gewordene Heimkehrer, die unter den Trümmern nach Angehörigen suchten. Leipzig, das sind aus der Kriegsgefangenschaft Zurückgekehrte, die sich aus Verzweiflung darüber, daß sie ihre Wohnung und ihre Familie nicht mehr ausfindig machen konnten, von einer Brücke vor einen anrollenden Zug stürzten, Leipzig, das sind Bettler, bettelnde Nachbarskinder, eine bettelnde Frau Garbe, die ihre Lebensmittelkarten verloren (damals der sichere Hungertod), daheim sich und ihren bettlägerigen alten Mann zu versorgen hatte, weshalb sie gegen zwei karge Essensrationen die Kinder der Kleinschmidts und deren Haushalt versorgte, sich manchmal wie ein Musikclown die Augen verband, um ihnen auf dem Klavier Chopin und Liszt zu Gehör zu bringen. Leipzig, das heißt Anschreibenlassen in Frau Lademanns Krämerladen in der Landsberger/Ecke Jägerstraße, um auch am kommenden Tag über die nötigsten Grundlebensmittel zu verfügen. Leipzig, das ist Böhlen, wo Leo Kleinschmidts Vater als einst in Königsberg akademisch geprüfter Schwimmlehrer Kindern beibringt, sich über Wasser zu halten, ein Bombentrichter, in dem er Kürbis anbaut, den Mutter Kleinschmidt zu wohlschmeckendem Kompott verarbeitet, Leipzig, das heißt 1. September 1950, Leos erster Schultag, Leipzig, das ist eine Schlittenpartie mit Mitsche im Wackerstadion, die an einem Betonpfosten mit einem Nasenbeinbruch endet und damit, daß ihn sein Bruder auf dem Schlitten durch die schneelosen Straßen nach Hause zieht. Leipzig bedeutet aber auch, daß er besagten Bruder, der in seinem Tatendrang sehr zum Ärger und Leidwesen der Eltern in der Nachbarschaft gelegentlich materiellen Schaden größeren Ausmaßes anrichtet, daß er also Mitsche oder Süß, so nennt er ihn, totenblaß vor Angst über die Terrasse rasen sieht, seinen Vater mit dem Rohrstock in der Hand ihm hinterher. Leipzig, das ist Leos etwa gleichaltriger Freund Ralf, sein Dolmetscher in den Jahren der Stummheit, als sein verbales Vermögen darin besteht, „i-i” zu sagen, und Ralf der Außenwelt erklärt, was I-I haben oder sagen will, denn nur sein gutes Herz ist imstande, I-I´s Sprache in die der Erwachsenen zu übersetzen.

Dann, im Januar 1951, ziehen sie von Leipzig weg. Der Vater unterrichtet an einem Gymnasium in einer anderen Stadt Deutsch und Geschichte. Seither hat Leo Kleinschmidt an zirka zwanzig verschiedenen Orten Deutschlands versucht, heimisch zu werden. In seinen Träumen atmet er gierig den Geruch von Rübensirup ein, spielt mit den Kindern aus der Nachbarschaft Verstecken. Den Wegzug aus der Hannoverschen Straße erlebt er in seinen allnächtlich wiederkehrenden Träumen wie eine Vertreibung aus dem Paradies oder aber als Endstation seiner Sehnsucht. Der Verlust der kindlichen Wurzeln schmerzt. Nirgendwo sonst hat er sich so zu Hause gefühlt wie gerade dort. Erst in Budapest, wo er zwischen 1968 und 1973 gelebt hat und wohin er 1994 zurückgekehrt ist, ist es ihm gelungen, wieder Wurzeln zu schlagen, sich heimisch zu fühlen. Überall sonst fühlte er sich wie Ahasver.

Für kurze Zeit kehrt so etwas wie Leipzig noch einmal in sein Leben zurück, als Lilo 1952 nach Hamburg verschwindet und deshalb den Sohn, Leos Freund Ralf, für vier Monate der Familie Kleinschmidt anvertraut, damit sie in der westlichen Fremde erst einmal selbst Fuß fassen kann. Da Dr. Kleinschmidt es nicht für nötig und ratsam hält, seine Umgebung am neuen Wohnort über die Herkunft des Jungen aufzuklären, gilt er in den Klatschgeschichten der Leute als der Kegel des alten Doktors, der damals noch nicht einmal seinen vierundvierzigsten Geburtstag gefeiert hat. Dann aber verschwindet Ralf für immer. Erst in einer Jahrzehnte später aufgefundenen Akte, geführt von verantwortungsvollen Chronisten eines Landes, das Leo Kleinschmidts Land nicht sein wollte, kommen seine nie beantworteten Briefe wieder zum Vorschein.

 

Andreas, mit dem zusammen Leo Kleinschmidt an der Martin-Luther-Universität in Halle in den obligatorischen Marxismusseminaren so manchen Ulk getrieben hat, ist in den siebziger Jahren als Dozent an einer Leipziger Hochschule tätig. Ein sensibel und zerbrechlich wirkender junger Mann, den vor allem sein ironisches Lächeln und seine ironischen Geschichten auszeichnen, die so gar nicht zu seinem späteren Schicksal passen wollen. Aber vielleicht war die für ihn typisch scheinende Ironie auch nur ein Überbleibsel aus der Schizophrenie seiner Kindheit, als sein Vater einen Vertrauensposten bei den Sowjets innehatte, den eines Direktors bei einer SAG, einer Sowjetischen Aktiengesellschaft, und seine Mutter vom Katholizismus nicht lassen wollte.

Andreas, die Inkarnation der Treue, heiratete gegen den Willen seiner Eltern, denen die Nazis immer ein Greuel gewesen sind, ein Mädchen, dessen Vater, ein SS-General, nach dem Krieg zum Tode verurteilt und hingerichtet worden war. Andreas, praktizierender Katholik, hat sich in der Zeit real-sozialistischer Schikanen und unter dem Eindruck des Ausreisebazillus entschlossen, Leipzig die Treue zu wahren. Er will seine Heimat unter gar keinen Umständen verlassen; Staaten und Regime kommen und gehen, aber die Städte und Landschaften bleiben; die Menschen sollten es ebenso tun.

Er ist ein hochsensibler Romantiker; als sich seine Frau in einen anderen Mann verliebt und sich scheiden läßt, tritt er die einzige Flucht seines Lebens an. Nicht Leipzig kehrt er den Rücken, nein, dem Leben, er flüchtet sich in die geistige Umnachtung, in den Wahnsinn, worin er nun schon fast so lange wie einst Hölderlin, seit etwa zwanzig Jahren, verharrt.

Denkt Leo Kleinschmidt an Leipzig in der Nacht, ist er nicht um den Schlaf gebracht, nein, aber er denkt an all seine Freunde dort, an seine Kindheit, an das verlorene Paradies, das fast ein Inferno geworden wäre. Ihm fällt eine Geschichte ein, die ihm Freya Kralig, Andreas´ Schwester, erzählt hat, aus der Zeit, als sie im Messebau tätig gewesen ist und für die Frau eines in Mexiko seiner Krebskrankheit erlegenen Führers der DDR und ehemaligen Bergmanns ein Büro eingerichtet hat. Durch einen Zufall war sie in die Leipziger Schaltzentrale der Macht gelangt, wohin ihr ein ehemaliger Kommilitone aus Prahlerei und Geltungsbedürfnis Zugang verschafft hatte. Dort zauberte der Prahlhans über die Betätigung verschiedener Knöpfe unterschiedlichste Plätze, Lokalitäten und Gebäude der Stadt auf den Bildschirm, so daß Freya intime Einsichten in das Treiben ihrer Leipziger Mitmenschen gewann.

Die Plätze, Straßen und Häuser existieren nicht mehr, zumindest nicht mehr so, wie sie in Leo Kleinschmidts Erinnerung leben. Hochhäuser haben die Gärten seiner Kindheit verdrängt, haben dem Boden, auf dem sie in einem verwunschenen Garten ein Lagerfeuer gemacht haben, um darin Kartoffeln garen zu lassen, die Unschuld geraubt. Auch die Landsberger Straße, wo er seine Mutter nach ihren Hamstertouren an der Haltestelle Viertelsweg von der Straßenbahn abholte, erkennt er kaum. In der Erinnerung sieht er eine junge, bildhübsche und wunderbare Frau, seine Mutter, aus der Straßenbahn steigen, zwei volle Eimer mit Kartoffeln und Gemüse in den Händen, auf dem Rücken einen schweren Rucksack. Er spürt die Düfte aus der Waschküche in seine Nase steigen. Im Waschkessel rühren die Frauen - Verwandte, Frau Garbe und seine Mutter - abwechselnd die im eigenen Saft brodelnden Zuckerrüben um, aus denen, mit Kürbis gestreckt, wohlschmeckender Sirup entsteht. Von den ausgelaugten Rübenschnitzeln darf er essen. Leo Kleinschmidt blickt hinüber zur Terrasse des Nachbarhauses, wo Berthold von Hellerau, Sohn des einstigen Museumsdirektors der Stadt, die Fotos von Tauchschern und der Einschulung geschossen hat. Das eine Bild zeigt Leo Kleinschmidt in einer weißen Schürze, auf dem Kopf eine Kochmütze, Tränen in den Augen, weil er doch so gern ein Trapper gewesen wäre. Ein anderes Bild legt Zeugnis von seiner Einschulung ab: weiße gehäkelte Kniestrümpfe aus Baumwolle und im Arm eine Zuckertüte. Auf zwei weiteren Bildern ist er in roten Samthosen mit roten Samthosenträgern zu sehen, weißem Hemd, den beschriebenen weißen Kniestrümpfen und an den Füßen in Igelitsandalen, deren oft reißende Riemen sich mit Hilfe eines über der Gasflamme zum Glühen gebrachten Messers wieder befestigen, anschweißen ließen, auf dem zweiten Bild in gleicher Ausstattung, diesmal aber in einer weißen kurzen Hose aus einem Baumwoll-Leinen-Gemisch, dem Stoff, der die riesengroßen Pakete umhüllte, die jährlich zweimal aus dem texanischen Brookshire von den um 1900 aus Galizien ausgewanderten und nie gesehenen Verwandten eintrafen.

Berthold von Hellerau darf 1963 als einer der ersten nach dem Mauerbau als Tennis-As zu einem Wettkampf in den Westen, nach Kiel, reisen und läßt, indem er das Vertrauen des ersten Arbeiter- und Bauernstaats in der deutschen Geschichte schamlos ausnutzt, die Rückfahrkarte nach Leipzig verfallen und nimmt sogar in Kauf, daß seine überempfindliche Mutter, die den Schritt des Sohnes zwar rational billigt, auf ihre letzten Tage in die Nervenheilanstalt umziehen muß, nach Dösen in die Klapsmühle, wo sie, die aus einer großbürgerlichen Familie stammt und teils in England zur Schule gegangen ist, mit ihrer Bettnachbarin französisch und englisch parliert.

In Gedanken sucht Leo Kleinschmidt den Südfriedhof am Fuße des Völkerschlachtdenkmals auf, das längst eingeebnete Grab seiner Großmutter Meta Pietraszewski, die ihm viel von ihren Eltern hätte erzählen können und von ihren Großeltern, seinen Ururgroßeltern, die sich nach der von Hardenberg 1812 auf den Weg gebrachten Judenemanzipation nicht hatten entschließen können, sich taufen zu lassen. Und noch mehr hätte sie ihm vermutlich von ihrem Mann, dem galizischen Großvater, erzählen können.

Unsere Toten leben in uns weiter. Meta Pietraszewski hat sich vor drei Jahren aus ihrer geschändeten letzten Ruhestätte auf eine zweitletzte Reise nach Budapest begeben, um in ihrer Urenkelin Rachel Meta fortzuleben.

Pest-Gohlis, eine Zusammensetzung aus Budapest und Leipzig, so heißt die Stadt seiner Geburt. Ihr ist Leo Kleinschmidt in seinem Sein, das von der Vergangenheit über die Gegenwart zur Zukunft eine Brücke schlägt, auf der seine Phantasie hin und her wandelt, engstens verbunden, sie ist seine Heimat.

Was ist Heimat? Ist Heimat nicht auch all das an Erlebtem, was dich belastet, was du gern verdrängen würdest? Sind nicht auch all die Orte deiner Kindheit, deiner Jugend Heimat, nicht all die Menschen, an die du dich ungern, weniger ungern oder gar gern erinnerst? Ist Heimat nicht auch das, was du abgelehnt, worunter du gelitten hast?

 

Hager, blond oder vielleicht doch nicht wirklich blond: Marlene. IM Paris. Ausgerechnet dieses der Chemie zu verdankende Blond war ihm aufgefallen. Leo Kleinschmidt war neunzehn und kannte sich in den Raffinessen, derer das weibliche Geschlecht fähig ist, noch nicht aus. Marlene sprach deutsch mit leichtem französischem Akzent. Dabei konnte sie gar kein Französisch. Noch acht Jahre zuvor war Deutsch für sie eine Fremdsprache gewesen. Französisch war so etwas wie ihre Muttersprache, die sie aber in den letzten Jahren vergessen hatte. 1940 in Paris geboren, im Exil der Eltern, die 1933 als Zwanzigjährige Deutschland den Rücken gekehrt hatten, war sie aufgewachsen wie eine Französin. Selbst zu Hause wurde französisch gesprochen. Deutsch, die Sprache der verhaßten Nazis, war verpönt. Auch ihr Charme machte einer Französin alle Ehre. Nichts an ihr schien einer Deutschen, genauer gesagt einer Ostdeutschen, zu ähneln. Mit vierzehn kehrte sie in die Heimatstadt der Eltern zurück, um französisch zu vergessen und lediglich den Akzent beizubehalten, deutsch allerdings nie ganz fehlerfrei zu erlernen. Mit sympathisch hilflosem Lächeln versagte ihr die Zunge den Gehorsam, wenn es niemand vermutete.

Gute Voraussetzungen für eine Bühnenkarriere, könnte einer meinen. Marlene und Leo Kleinschmidt sind hier, in einer Provinzstadt, als Schauspielanfänger engagiert. Aber Marlene schafft es, ihre schauspielerische Begabung auch anderweitig unter Beweis stellen, nicht nur an diesem kleinen Theater der Deutschen Demokratischen Republik. Tag für Tag stehen sie auf der Bühne, allerdings ohne die dafür nötige Spielgenehmigung zu besitzen. Die gilt es zu erwerben, denn sonst könnten sie von heute auf morgen trotz bestehenden Vertrags gefeuert werden. Vom ersten Tag an sind sie durch diese Situation eng miteinander verbunden.

Sich Marlene, von der er sich, wie von so vielen anderen auch, unwiderstehlich angezogen fühlt, als Mann zu nähern, wagt er nicht. Sie hat einen Freund, der zwar selten auftaucht, da er sich mit seinem Volkswagen wochenlang im Westen aufhält, wo er beruflich als Bergbauingenieur zu tun hat, aber die Beziehung scheint trotzdem stabil zu sein. Leo Kleinschmidt wundert sich, daß ein so junger Mann (er ist siebenundzwanzig) frei reisen darf, was den meisten seiner Mitbürger verwehrt ist. Sich wundern ist nicht weit weg von Bewundern.

Marlene gibt keineswegs zu erkennen, daß sie an mehr als Freundschaft mit Leo Kleinschmidt interessiert wäre. Was ihnen an Gemeinsamkeit bleibt, das sind wunderbare Spaziergänge über alle Friedhöfe der Umgebung. Hier philosophieren sie über Gott und den Tod, über Sinn und Unsinn des Lebens. Wirklich Privates fließt kaum in ihre Unterhaltungen ein, es sei denn, daß ihre beruflichen Träume privat zu nennen wären.

Außer ihrem Freund tauchen noch zwei weitere Männer auf, zu denen sie Kontakte unterhält, ohne daß Leo Kleinschmidt sich Klarheit darüber zu verschaffen wüßte, welcher Natur diese Beziehungen sind. Der eine ist ein sechzigjähriger evangelischer Pfarrer, der seit vierzig Jahren mit einer zehn Jahre älteren Frau verheiratet ist, mit Ännchen.

Hat Marlene mit ihm ein Verhältnis? Frau Haußmann befindet sich gerade mit einem Oberschenkelhalsbruch im Krankenhaus. Sollten der Pfarrer und Marlene etwa miteinander schlafen? Das kann sich Leo Kleinschmidt kaum vorstellen, obwohl er ein Jahr zuvor schon mit einer ähnlich eigenartigen Geschichte Bekanntschaft gemacht hat. Marlene ist jedenfalls stets sehr nett zu ihm, und schließlich ist sie es, die unbedingt will, daß er den Pfarrer kennenlernt. Einen Grund zur Eifersucht gibt es nicht.

Der andere Mann, den sie ständig aufsucht, ist ein ehemaliger NVA-Offizier, der aus dem aktiven Dienst ausgestiegen ist und sich nun als Schauspieler versucht. Versuch und Irrtum. In den zurückliegenden drei Jahren seiner Schauspielerei hat Leo Kleinschmidt verschiedenste Künstler erlebt, von denen ihm nur einer vielleicht noch schwächer vorgekommen ist als ausgerechnet Marlenes zweiter Verehrer. Laut Marlene kennt er Leute, die ihr helfen könnten, eine staatliche Spielerlaubnis zu erlangen.

Marlene meint es gut mit ihm, dessen ist sich Leo Kleinschmidt sicher. Denn warum sonst sollte sie versuchen, den ehemaligen Offizier für ihn einzunehmen? Einmal nimmt sie ihn sogar zu ihm mit. Sie treten durch das große Tor in der Puschkinstraße: Auf dem Hof liegt, nur mit einer Badehose bekleidet, braun gebrannt, der Kollege. Es will scheinen, als hätte der für ihn nur ein mitleidsvoll ironisches Lächeln übrig. Die Unterhaltung gestaltet sich schleppend. Zwischen ihnen steht eine unsichtbare Mauer. Sollte er in Leo Kleinschmidt einen Rivalen wittern? Oder ist es einfach nur der zwischen ihnen bestehende Altersunterschied, weshalb er die unsichtbare Mauer trotz Marlenes liebevollen Bemühens nicht überwinden kann? Es könnte sein, daß auch dem Offizier bereits zu Ohren gekommen ist, daß Leo im Falle einer Musterung vorhabe, den Wehrdienst zu verweigern. Gewiß ist Leo Kleinschmidts Offenheit bodenlos naiv, aber in wichtigen Dingen spielt er immer mit offenen Karten. Sollte ihm, Jahrgang 1943, der Haß auf alles Militaristische mit dem Dröhnen der Flugzeuge über und den explodierenden Bomben vor und hinter ihm eingebrannt worden sein?

 

Vater Kleinschmidt, den Fußstapfen des eigenen Vaters folgend ein Nazi der ersten Stunde, hatte unter Hitler eine führende Funktion in der Kulturpolitik inne. 1936 zur Olympiade in Berlin hielt er sich in unmittelbarer Nähe von Leni Riefenstahl auf. Was ihn mit ihr verband, womit er ihr zu Diensten sein konnte, darüber hat er ebenso wenig gesprochen wie über seine guten Kontakte zu fast allen damaligen Filmgrößen der Ufa. Dank seiner Zuverlässigkeit und Unbescholtenheit, dank seines in Königsberg, Berlin und Jena absolvierten Studiums der Geschichte, abgeschlossen mit einer nationalistisch orientierten bravourösen Dissertation, wie es hieß, zum Thema des Deutschen Ritterordens, winkte ihm eine Reichskarriere, das um so mehr, als ihm Vater Friedrichs Existenz ein erstklassiges Leumundszeugnis ausstellen konnte.

Vordamm, wo Leos Vater geboren worden ist, war der äußerste, nach Osten vorgeschobene Posten der Provinz Brandenburg. In diesem Grenzbewußtsein ist Vater Kleinschmidt aufgewachsen. Der Weg zum Deutschen Ritterorden mag so zu erklären sein. Sein Doktorvater, Erich Caspar, den sparsamen Informationen Vater Kleinschmidts zufolge Halbjude, hat sich 1935 das Leben genommen. Als Dr. Kleinschmidt, Leos Vater, 1949 in Halle ein Diplom als Gymnasiallehrer erwarb, reichte er, was einer gewissen Dreistigkeit nicht entbehrte, die Dissertation, die von seinem Professor, der sich später gleichfalls das Leben nahm, hoch bewertet wurde, als Examensarbeit ein.

Die zehner, dreißiger und vierziger Jahre des 20. Jahrhunderts sind gepflastert mit zig Millionen von Kriegstoten, Vergasten und Selbstmördern. Fast hätte sich auch Leos Vater direkt oder indirekt am wahnsinnigen Massenmorden beteiligt. 1939 erhielt er einen Ruf ins Reichssicherheitshauptamt, wo er als Historiker die nationalsozialistischen Ordensburgen für den Nachwuchs der Reichselite ideologisch stärken sollte. Leo Kleinschmidts Mutter, die Ehestreit nicht kannte, beschwor ihn, sich nicht vor den Karren der SS spannen zu lassen. Die rassistischen Parolen der SS waren ihr verdächtig. Sie machte ihren Mann darauf aufmerksam, daß sich der Speer eines Tages auch gegen sie richten könnte, schließlich sei die eigene arische Abstammung als geborene Pietraszewski, zu deutsch die Ängstliche, allein schon wegen ihres Namens nicht unangreifbar, aber auch die Herkunft seiner Mutter, einer geborenen Wroblewski, könnte bei arischen Rassenfanatikern Anlaß zu Stirnrunzeln geben. Wroblewski, zu deutsch der Sperlinghafte, was für ein deutscher Name! Leo Kleinschmidts Mutter, die ein Jahr zuvor ihren ersten Sohn, Leos Bruder Friedrich, zur Welt gebracht hatte, in Berlin, war in ihrer unerschütterlichen Liebe stark genug, ihren Mann vor einer törichten Entscheidung, die sich zu einem grandiosen Verbrechen entwickelt hätte, zu bewahren.

Großvater Kleinschmidt, dem der Entschluß seines Sohnes, sich dem Ruf der Reichselite zu versagen, mißfiel, hatte einen Grund mehr, der ungeliebten Schwiegertochter zu mißtrauen. Solcher Einfluß, wie ihn Leos Mutter, die stets ein sanftes Lächeln auf den Lippen trug, als ruhender Pol und emotionales Machtzentrum der Familie ausübte, war deutschen Familien fremd. So etwas gab es nur in semitischen Verbänden. Großvater Friedrich, stechender, beobachtender Blick, wie er auch einem seiner Enkel eignet, von nicht eben arischem Wuchs, war als ehemaliger Deutschnationaler und Großunternehmer eines in den zwanziger Jahren in Konkurs gegangenen Betriebs, der seine Bautätigkeit im ganzen Deutschen Reich ausübte, erst bei der Zollbehörde und schließlich bei der Gestapo gelandet, um dort Karriere zu machen. Dieser eines Deutschen, wie er meinte, würdige Weg, erfüllte ihn mit Stolz.

Im Laufe von Generationen gibt es im Leben einer Familie Entwicklungen, deren intime Kenntnis nicht für die Außenwelt bestimmt ist. Ein Teil der Familiengeschichte Leo Kleinschmidts ist bisher nicht nur von diesem selbst wie ein Staatsgeheimnis gehütet worden. Leo Kleinschmidt fühlt sich schuldig, obwohl er sich keiner persönlichen Schuld bewußt ist, weil er genetisch das Leben von Menschen fortsetzt, mit deren Handeln er nicht einverstanden ist, schlimmer, das er verabscheut. Besonders die Taten eines Menschen, seines Großvaters, den er verachtet, vor dem er schon als Kind eine unbestimmte Angst hatte.

Daß sein Vater als Sohn eines Gestapooffiziers glänzende Voraussetzungen gehabt hätte, in die Führungsclique der SS aufzusteigen, ist unstreitig. Daß er diesen Weg nicht gegangen ist, hatte er vor allem dem seiner Frau angeborenen sicheren Instinkt für Unrecht zu verdanken, aber auch dem eigenen inneren Anstand. Nach dem Kriegsende 1945 brach Leos Vater physisch und psychisch zusammen. Von seinem verheerenden Irrtum hat er sich nie mehr erholt. Geredet über seinen Irrtum und den einer ganzen Generation hat er in den ihm verbleibenden sechsunddreißig Jahren kein einziges Wort. Zumindest nicht im Kreis seiner Familie. Daran änderte auch die Tatsache nichts, daß er an einem Gymnasium Geschichte, Geographie, Deutsch und Gegenwartskunde unterrichtete. Auch nicht sein Aufstieg zum Hochschullehrer und auch nicht seine Blindheit, die ein Symbol dafür gewesen sein könnte, daß er von all dem um ihn her nichts mehr sehen wollte, auch nichts von der Inhaftierung seines Sohnes, die er ebenfalls wort- und klaglos ertrug.

Warum wohl mag Leo Kleinschmidt so renitent geworden sein, wie seine Mutter zu sagen pflegte? Ist es das väterliche oder das mütterliche Erbteil? Väterlicherseits fühlten sich mehrere Vorfahren sowohl dem Deutschtum als auch Polen besonders verbunden. Zwei damals in Warschau lebende Tanten Leo Kleinschmidts unterrichteten an einem Gymnasium Polnisch. Zwar sprachen sie auch deutsch wie ihre Schwester, Leos Großmutter, aber sie waren natürlich ebenso Polinnen wie die Großmutter Deutsche. Obwohl er von ihrem blutrünstigen Deutschtum noch gar nichts wußte, fühlte er sich als Kind in ihrer Nähe stets unbehaglich

Als die beiden Tanten nach Auschwitz deportiert wurden, empfand es der Großvater als seine Pflicht, sie vor dem fast sicheren Tod zu bewahren und sie aus dieser Hölle herauszuholen, indem er nachwies, daß es sich hier um ein Versehen der deutschen Behörden handeln müßte, da seine Schwägerinnen weder Polen noch Juden sein könnten. Schließlich war seine Frau mit dem polnischen Mädchennamen nachgewiesenermaßen Deutsche, also Arierin. Und arisches Recht blieb arisches Recht. Tatsächlich.

Daß polnische Männer auf seinen Befehl hin an den Füßen aufgehängt wurden, weil man sie der Rassenschande überführt hatte, war ihm eine derartige Genugtuung, daß er sich unter den ausblutenden Körpern fotografieren ließ. Wie schaffte er es, die familiären Widersprüche und seine Rolle als Hüter arischer Moral in seinem Kopf zu ordnen? Hatte er eine Ahnung von der Abstammung der Schwiegertochter, deren Ahnentafel nicht nur väterlicherseits, sondern auch mütterlicherseits verdächtige Namen aufwies? Bis hin zu ihren Ururgroßeltern kam nur ein einziger echter deutscher Name vor: Utecht. Die Ururgroßmutter Martha Hauer hatte einen Herrn Ignaz Katz geheiratet. Die Tochter Rachel Katz, geboren 1857 in Galizien, ließ sich taufen, um den Milchhändler Utecht heiraten zu können. Aus Katz wurde im Kirchenbuch Kaatz. So wurde aus altem mosaischem Adel eine unverdächtige Deutsche. Tochter Utecht aber, Leos Großmutter mütterlicherseits, heiratete einen Herrn Pietraszewski, einen Kantor und Volksschullehrer in Neubrück, einem deutschen Dorf, das bereits 1917 an Polen gefallen ist.

Das aber hat Leo Kleinschmidts deutscher Großvater mütterlicherseits mit dem gleichfalls wenig deutsch klingenden Namen Leo Pietraszewski nicht mehr erlebt. Wohl ein Gegner von Impfungen, hatte er 1915 bei Verdun sein junges Leben nicht einmal auf dem Feld der Ehre sinnlos aufopfern müssen, nein, eine Typhusepidemie hatte ihn dahingerafft. Für seine Familie vielleicht etwas, was ein Tod zur rechten Zeit genannt werden könnte, auch wenn seine dreieinhalbjährige Tochter und die junge Witwe das anders empfunden haben mochten. Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs war Großvater Pietraszewski vierunddreißig Jahre alt, befand sich auf der bescheidenen Höhe seiner beruflichen Laufbahn und der weniger bescheidenen Höhe seiner privaten Karriere, die ihn als erfolgreichen Schürzenjäger ausgewiesen hatte.

Die Rolle der Großmutter als einer bis an ihr Lebensende treuen Witwe erwies sich für die seelische Entwicklung der Tochter als wohltuend. Jedenfalls erzählte sie später den Kindern, kein Mann habe eine Chance gehabt, sich ihrer Mutter in zweifelhafter Absicht zu nähern, weil sie unmißverständlich signalisiert habe, daß sie einem ernsthaften Bewerber die Augen auskratzen würde, was sie später zutiefst bedauerte, zumal mit einem Mann an ihrer Seite die Tragödie von Leo Kleinschmidts Großmutter vielleicht hätte verhindert werden können. Bis an ihr Lebensende quälten Leos Mutter Schuldgefühle. Hätte sie sich nicht auf den Weg nach Hartha gemacht, in dessen Nähe sie ihren Mann vermutete, der sich in Wirklichkeit in einem amerikanischen Gefangenenlager bei Fulda befand, wäre der frühe Tod ihrer Mutter zu verhindern gewesen. Vieles liegt im Dunkel.