Die gelöste Zunge

Einführung in den Roman

In zweifachem Wortsinn geht es in dem autobiographisch geprägten Roman um Versager, um Menschen, die sich einer Diktatur versagt haben, und um solche, die individuell oder als Verbrecher wider die Menschlichkeit in ihrem Menschsein versagt haben. Bestandsaufnahme einer Familie über mehrere Generationen hinweg. Bestandsaufnahme einer Gesellschaft und ihrer Verhaltens- und Vorurteilsmuster. Der Romanheld wird mitten ins Dritte Reich hineingeboren, wächst in der DDR auf. Angewidert vom Verhalten und der Sprache...weiter lesen

Auszug aus dem Roman

1943 inmitten befreienden Bombenhagels der heutigen Verbündeten im Leipziger Stadtteil Gohlis in einer Privatklinik geboren, die wenige Tage nach dem erfreulichen Ereignis seiner Ankunft dem Erdboden gleichgemacht worden ist, konnte er noch nicht ahnen, daß er dereinst in der ungarischen Donaumetropole, in Budapest, landen würde.

Daß er dem Samen seines Vaters entsprießen durfte, ist nach freundlicher Auskunft eines seiner Brüder einzig dem egoistischen Wunsch seiner rassisch verdächtigen Mutter zuzuschreiben, sich für die Zeit ihres höheren Alters eine weitere, eine dritte, Option für spätere Besuchsreisen zu sichern. Leo Kleinschmidt, der heranwachsende Fötus, verdankt sein Dasein demnach nicht nur der weihnachtlichen Heilsbotschaft, der Sehnsucht nach Frieden,...
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Vorwort von György Konrád

Neu an dieser Lektüre war mir eigentlich die vom Krieg aufgewühlte und durch die sowjetische Präsenz streng kontrollierte ostdeutsche Wirklichkeit, die tatsächlich eine andere gewesen ist als die zeitgleiche ungarische Realität. Wer in Ostdeutschland gelebt hat und dort geblieben ist, erinnert sich an ein und dasselbe möglicherweise anders oder möchte sich zumindest anders daran erinnern. Hans-Henning Paetzke hat seine Position des empathischen Außenseiters...
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György Dalos zu Paetzkes Roman

"Als Ergänzung zum Titelverweis auf Canettis "Die gerettete Zunge" eine Hölderlin-Allusion: "In diesem Lande leben wir wie Fremdlinge im eignen Haus." Der Haupttitel markiert jenen Moment, als das Unterdrückte, jedoch nicht Vergessene nach draußen drängt. Der private Lebenslauf will zur öffentlichen Angelegenheit werden, siehe Goethe: "...Dichter lieben nicht zu schweigen,/ Wollen sich der Menge zeigen./ Lob und Tadel muß ja sein!/..."

Der Übersetzer ist jemand, der sich gern versteckt.
H.-H.P. ist einer der eingeweihtesten Dolmetscher der zeitgenössischen ungarischen Literatur... weiter lesen>>