Seelenrisse

Einführung in den Roman

Im Oktober 1989, als im geteilten Europa alle Anzeichen von politischen Veränderungen gewaltigen Ausmaßes künden, passiert es. Leo Kleinschmidt fährt mit seiner Frau Gizella in einer gerade auf Pump erstandenen Karosse, einem viel zu protzig geratenen Auto, einer Prothese für mangelndes Selbstbewußtsein, zu Freunden, wo sich in einer riesengroßen Wohnung eine vergnügte Gesellschaft aus der linken Studentenszene - Achtundsechziger, ehemalige RAF-Sympathisanten, polnische Solidarność-Aktivisten und verträumte Weltverbesserer - eingefunden hat. Eigentlich gehört Leo Kleinschmidt nicht wirklich dazu, denn ein Linker ist er ebenso wenig wie ein Rechter. Er ist das, was er schon immer gewesen ist: ein Suchender, der in fast allen politischen Lagern Akzeptables entdeckt, weshalb er sich dem Bekenntnis zu wie auch immer gearteten Ideologien verweigert. Ein Eklektiker ist er, der sich an der Harmonie des Neben- und Miteinanders der verschiedenartigsten Stilelemente berauscht. Weder einseitiges, in Ideologien gefangenes Denken, noch einem einzigen Baustil verpflichtete Architektur, noch die Reinheit von Tier- und Menschenrassen lassen sein Herz höher schlagen. Angezogen fühlt er sich vom geheimnisvollen Unbekannten, das sich ihm nur andeutungsweise erschließt.

Seine Ehe liegt in den letzten Zügen. So nimmt es nicht wunder, daß er wie erstarrt vor einer zum Polentroß gehörenden Frau stehen bleibt, die ihrerseits gleichfalls wie erstarrt vor Leo Kleinschmidt stehen bleibt. Auch ihre Ehe kränkelt. Teresa ist seit ihrer Kindheit auf der Suche nach der absoluten Liebe. Die beiden Kinder aus zwei Ehen können sie davon nicht zurückhalten.

Leo Kleinschmidt glaubt sich angekommen.

Teresa glaubt sich angekommen.

In zwei Erzählsträngen wird von einer unbändigen Liebessehnsucht berichtet, von einer Unlebbarkeit der Liebe, von Bindungen, die an der Inkompatibilität der Vorstellungen vom Alltag, von Anstand und Moral, an den fatalen Folgen kindlicher Fehlentwicklungen zerbrechen.

Kriemhild Andernacht, 1933 in der Irkutsker Verbannung als Tochter eines unpolitischen und deshalb gerade politischen deutschen Bergbauingenieurs und einer russischen Jüdin geboren, verbringt den zweiten Teil ihrer Kindheit im nazistischen Deutschland, die Mutter gerät nach Ravensbrück, von dort als Liebesdienerin ins KZ Buchenwald und schließlich nach Australien, Kriemhild Andernacht wird Schauspielerin, bewegt sich an der Grenze zur Nymphomanin, erkundet über ihren russischen, in Westberlin lebenden Verlobten Grenzbereiche menschlichen Seins, lebt und organisiert sexuelle Vereinigungen der Astralleiber, hebt sich des Nachts hinweg über die Berliner Mauer. Zum Entsetzen der Stasi-Postkontrolle.

Doch neben der mystischen ist sie offenbar auch an realer physischer Liebe interessiert. Am Theater begegnet sie dem um zehn Jahre jüngeren Schauspieler Leo Kleinschmidt. Als sie schwanger wird, rätselt alle Welt, wer der Vater des wachsenden Embryos sein könnte.

Kriemhilds und Leos Tochter Rosa wächst größtenteils in einem Ostberliner Kinderheim auf. Kurz nach dem Tod von Leo Kleinschmidts Sohn Bence taucht Rosa bei ihrem vermeintlichen Vater in Pekunia auf, wo ersterer nach seiner Emigration von Halle nach Ungarn und dem Weggang mit Hilfe eines falschen Passes auch von dort lebt. Kriemhild hat inzwischen einen fünfundzwanzig Jahre älteren Turkologen geheiratet, ist mit diesem über die Türkei gleichfalls in den Westen gegangen. Angesichts einer Kindheit voller Erniedrigungen sucht Rosa Zuflucht beim Vater. Als Leos und Teresas Liebe ihren Anfang nimmt, erwartet Rosa ein Kind. Eine nicht geringe Belastung für Teresa und Leo, größer vielleicht sogar als deren beiden Kinder.

Hans-Henning Paetzkes Mosaiktechnik gestattet einerseits ein paralleles Erzählen der Kriemhild-Geschichte und der eigentlichen Liebesgeschichte zwischen Teresa und Leo sowie andererseits Rückblicke bis in die dreißiger Jahre. Sibirien scheint auf, das Dritte Reich, die Türkei, die DDR, die BRD, Polen, Rumänien und Ungarn. Durch das Private wird die Geschichte als solche faßlich. Liebeswahn, entstanden aus dem Betrug an einer Kindheit, führt einerseits dazu, sich den Verpflichtungen eines Erwachsenenlebens zu versagen, andererseits wird deutlich, warum der Traum von einer absoluten Liebe im Alltag wie eine Seifenblase zerplatzen muß. Zu viele Hypotheken aus der Vergangenheit schleppen die Protagonisten mit sich herum. Deutsche und polnische, jüdische und deutsche, jüdische und polnische, russisch-jüdische Befindlichkeiten treffen aufeinander und lassen die hohe Zeit der Liebe in die Niederungen des Alltags abdriften.

„Seelenrisse“, ein Roman, dessen Gegenwart sich in Westdeutschland und Polen abspielt, dessen Vergangenheit aber die DDR und Polen, ja, Osteuropa vor 1989 noch einmal zum Leben erweckt, zugleich auch die Schönheit eines nicht alltäglichen Liebesrasens sowie die Traurigkeit spürbar werden läßt, die mit dem Aufwachen aus einem wunderschönen Traum einhergeht.