"Seelenrisse"

Auszug aus dem Roman

Roman "Seelenrisse" von Hans-Henning Paetzke15. Oktober 1976. Kriemhild Stelzig, geb. Andernacht, Professor Herbert Stelzig und der Sohn, der im ehrenden Gedenken an Mustafa Kemal Atatürk dessen Vornamen trägt, sind von Ostberlin aus unterwegs in die Türkei. Der Professor befindet sich längst im Rentenalter, und die Parteigewaltigen der Deutschen Demokratischen Republik haben vor Jahren schon beschlossen, in einer Art Haushaltsreform ausreisewilligen Rentnern keinen Stein in den Weg zu legen, wenn sie ihrem Staat den Rücken kehren und somit auf ihre Rentenansprüche verzichten wollen. Die Sparzwänge sind zu der Zeit schon derart überwältigend, daß die Behörden sogar bereit sind, die noch im arbeits- und gebärfähigen Alter seiende ehemalige Schauspielerin und Souffleuse sowie den minderjährigen Mustafa Kemal, den Vollkommenen, ziehen zu lassen.

Auch wenn lediglich eine einjährige Studienreise beantragt und genehmigt worden ist, machen sich die staatlichen Stellen keine Illusionen, daß die Stelzigs je zurückkommen werden, zumal sie der Familie trotz höchster Dringlichkeitsstufe keine angemessene Wohnung hatten zuweisen können oder wollen. Daß die Wohnung in der Käthe-Kollwitz-Straße unzumutbar war, darüber war man sich einig. Das baufällige Haus hätte eigentlich längst abgerissen gehört. Doch auch dazu hat man sich auf Grund des verheerenden Wohnungsmangels nicht durchringen können. Als besonders schlimm wurde das etwa einmal ein Meter große Loch in der Küche empfunden, durch das der kleine Mustafa Kemal einmal in der Wohnung darunter gelandet war, allerdings zum Glück ohne sich bei dem Sturz verletzt zu haben. Rosa träumte seither schlecht. Auch in dem Rest der einst großbürgerlich zu nennenden Wohnung sah es nicht viel besser aus. Die Stromleitungen waren nur notdürftig geflickt und hingen kreuz und quer an den Wänden. Die Gasleitung in der Küche ragte mitten im Raum mit gesenktem Haupt in die Höhe, ohne sich irgendwo anlehnen zu können. Eine vermutlich noch im Krieg durch Explosion herausgerissene Trennwand hatte ihr den Schutz aufgekündigt.

Freunde zu empfangen, das verbot den Stelzigs die Scham angesichts des asozialen Milieus. So wuchs auch die kontaktfreudige Rosa, wie schon ihre Mutter, ohne Freunde als Gefangene der Familie auf. Abwechslung in den tristen Alltag brachten lediglich die türkischen Gastarbeiter, die des öfteren aus Westberlin kamen und sich vom Herrn Professor gegen einige Kilo Bananen Urkunden- und andere Übersetzungen anfertigen ließen.

Zwischen 1938 und 1948 hatte er im türkischen Exil gelebt. Nach anfänglicher Begeisterung für den österreichischen Anstreicher mit dem wenig arischen Äußeren setzten, nachdem seine jüdischen Freunde einer nach dem anderen Deutschland verlassen hatten und er mit ansehen mußte, wie anständige und von ihm geschätzte Menschen in Zuchthäusern und Konzentrationslagern verschwanden, quälende Beklemmungen und allmähliches Erwachen ein. Auch war er zwischenzeitlich von seinem Vorgesetzten im Reichspropagandaministerium unmißverständlich aufgefordert worden, seine familiären Verhältnisse in Ordnung zu bringen.

Ein Jahr vor dem Verlassen Deutschlands war seine Geschichte der Türkei erschienen, worin Atatürk einen  zentralen Platz einnahm. Daß ein solches Buch 1937 im Deutschen Reich erscheinen durfte, war nicht zuletzt den blauen Augen Atatürks zu verdanken, weshalb Hitler dem Türken, dem auch Hindenburg Sympathien entgegenbrachte, gern für seine Zwecke eingespannt hätte.

Freilich kannte damals noch kaum jemand Atatürks politische Einschätzungen, wie sie erst aus seinem Nachlaß bekannt wurden, worin er seiner Meinung Ausdruck verleiht, daß das Schicksal Europas von Deutschland abhängig sei. Diese außergewöhnlich dynamische und disziplinierte Nation von 70 Millionen werde, sobald sie sich einer politischen Strömung hingebe, die ihre nationalen Begierden aufpeitsche, früher oder später den Vertrag von Versailles zu beseitigen suchen. Deutschland werde in kürzester Zeit eine Armee aufstellen können, die imstande sein werde, ganz Europa, mit Ausnahme von England und Rußland, zu besetzen. Der Krieg werde in den Jahren 1940/45 ausbrechen. Frankreich habe keine Möglichkeit mehr, eine starke Armee aufzustellen. England könne sich bei der Verteidigung seiner Insel nicht mehr auf Frankreich verlassen. Amerika werde in diesem Krieg ebenso wie im Ersten Weltkrieg nicht neutral bleiben. Und Deutschland werde wegen des amerikanischen Kriegseintritts diesen Krieg verlieren.

Einer der wenigen, vielleicht sogar der einzige Deutsche, dem sich Atatürk je anvertraut hatte, war Herbert Stelzig, dem der Staatsmann ein mehrstündiges Gespräch gewährt hatte, damit jener mit seinem Buch über die Türkei vorankommen sollte. Der polyglotte, kleinwüchsige Mann imponierte dem Vater der Türken, weshalb der jenem großzügige finanzielle Unterstützung für den Fall einer eintretenden Notlage versprach.

Als Beamter des Reichspropagandaministeriums unterstand Herbert Stelzig unmittelbar einem gleichfalls nicht allzu groß geratenen Mann, der zu allem Überfluß auch noch einen Klumpfuß besaß, den er indes durch seine außergewöhnliche Redegabe, die ihm den Spitznamen Revolverschnauze eingebracht hatte, wettzumachen verstand. Die Revolverschnauze verlangte von seinem Volksgenossen ausführliche Berichte über alles, was Atatürk ihm in der Türkei anvertraut hatte.

Dank seines Geschichts- und Sprachenstudiums, dank seines trainierten Gehirns besaß Herbert Stelzig ein hervorragendes Gedächtnis, das er durchaus nach seinen Vorstellungen einzusetzen verstand. Er hütete sich, Atatürk in irgendeiner Weise zu denunzieren. Statt dessen lieferte er belanglose Informationen, die er ganz nach Bedarf aus dem schier unerschöpflichen Reservoir seiner Phantasie hervorzauberte. Ein Teil der Meldung allerdings fand sich in den nach Atatürks Tod publizierten Tagebuchaufzeichnungen wieder, worin er unter dem 6. Juni 1918 bereits das Grundmotiv aller späteren Reformschritte formuliert hatte: Schon als junger Mann war ich der Meinung, daß ich, sollte ich eines Tages großen Einfluß oder Macht besitzen, unsere Gesellschaft schlagartig – sofort und in kürzester Zeit  – verändern würde. Denn im Gegensatz zu anderen glaubte ich nicht, daß sich Veränderungen erreichen lassen, indem die Ungebildeten nur schrittweise auf ein höheres Niveau geführt werden. Mein Innerstes sträubte sich gegen eine solche Auffassung. Aus welchem Grund sollte ich mich auf den niedrigeren Stand der allgemeinen Bevölkerung zurückbegeben, nachdem ich viele Jahre lang ausgebildet worden bin, Zivilisations- und Sozialgeschichte studiert und in allen Phasen meines Lebens Befriedigung durch Freiheit erfahren habe? Ich werde dafür sorgen, daß sie mein Niveau erreichen. Nicht ich darf mich ihnen, sondern sie müssen sich mir annäher

Denunziationen sind Herbert Stelzig, sobald sie sich mit seinen Interessen decken, keineswegs fremd. Etwa fünfundzwanzig Jahre nach seiner lebensbestimmenden Begegnung mit Atatürk erscheint in einem Ostberliner Wochenblatt ein Artikel aus seiner Feder, worin er einen ehemaligen Kollegen aus dem Reichspropagandaministerium, einen inzwischen zu Ruhm und Ehre gelangten Journalisten der Ära Adenauer, als Gestapospitzel entlarvt, wobei er für seine Behauptungen die erforderlichen Beweise schuldig bleibt, vielleicht sogar schuldig bleiben muß. Der Leser kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß es sich bei dieser Anschuldigung um eine von der ostdeutschen Agitation und Propaganda erwartete Gefälligkeit handelt. Selbst Rachegefühlen geschuldete Denunziation soll kurz vor seinem Tod, also etwa sechzig Jahre nach seinen Gesprächen mit dem Vater der Türken, Einzug in sein Leben halten, als er das Sozialamt über Unregelmäßigkeiten in den angegebenen Vermögensverhältnissen seiner Frau informiert.

Gleich ob er jemanden denunziert oder nicht, irgendwie wird er ein Leben lang vom Pech verfolgt, kann sich nie wirklich etablieren. Als er sich 1938 endlich zum Verlassen Deutschlands entschließt, liegt sein türkischer Gönner bereits todkrank in einer Klinik. Der lebenslange Konsum von Raki, einem hochprozentigen Schnaps, hatte zu einer Leberzirrhose geführt. Dabei konnte er noch von Glück reden, daß ihm statt dessen der in der Türkei verpönte Umgang mit Prostituierten nicht schon längst zum Verhängnis geworden war, wie so vielen Genies seiner Zeit.

Doch die Türkei ändert ihre Politik gegenüber den deutschen Exilanten auch nach Atatürks Tod nicht. So erfreut sich Herbert Stelzig in der Zeit des Krieges und den ersten Nachkriegsjahren einer existentiellen Sicherheit, wie sie den Exilanten in vielen anderen Ländern versagt geblieben ist. 1940 erscheint sein in Deutschland inzwischen eingestampftes Buch Die Geschichte der Türkei auch in einer türkischen Übersetzung.

 

Daß die inzwischen dreizehnjährige Rosa einen sozialistischen Heimaufenthalt einem gemeinsamen Leben mit Mutter, Stiefvater und Halbbruder vorgezogen hat, erfährt Leo Kleinschmidt mehr oder weniger zufällig. Schon seit vier Jahren lebt er in Pekunia, als ihm zwei Briefe zugestellt werden. Der eine ist so verblüffend wie der andere. Das Jugendamt teilt ihm mit, daß sich seine Tochter Rosa in einem Ostberliner Kinderheim befinde und man von der DDR um Amtshilfe gebeten worden sei, um die Einkommensverhältnisse des Kindesvaters zu klären.

Der zweite Brief widerspricht dem ersten, ohne indes weniger überraschend zu sein:

Sehr geehrter Herr Kleinschmidt, seit geraumer Zeit haben wir uns, das heißt mein Mann Professor Stelzig, unsere beiden Kinder und ich, unter angegebener Adresse unweit von Pekunia niedergelassen. Ihrer Tochter Rosa geht es gut. Den Schulwechsel von Berlin nach hier hat sie gut überstanden. Die allseits fälligen Unterhaltszahlungen für die letzten zwei Jahre haben wir nicht erhalten. Ich bitte Sie höflichst und in aller Form, Ihre Schulden umgehend zu begleichen. Über Ihre Einkommensverhältnisse sind wir bestens informiert, so daß Sie gut beraten wären, die Nachzahlungen in angemessener Höhe und ohne weitere Verzögerung vorzunehmen. Andererseits müßten Sie mit rechtlichen Schritten unsererseits rechnen. Mit vorzüglicher Hochachtung

Kriemhild Stelzig, geb. Andernacht

 

Für die mit dem Vorgang Professor Stelzig und Familie befaßten Mitarbeiter der Staatssicherheit ist die erfreuliche Tatsache, daß sich Rosa für ein Bleiben entschieden hat, ein Trostpflaster. Diese von den Organen unbeeinflußte Entscheidung verbuchen die Mitarbeiter des Jugendamts, der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands und der Stasi, wie einem Bericht an eine Frau zu entnehmen ist, die Zwangsadoptionen von Kindern wegen Republikflucht oder anderer politischer Delikte einsitzender Eltern zu verantworten hat, als einen schönen und hoffnungsvoll stimmenden Erfolg sozialistischer Erziehung. In der Phantasie sieht ein Mitarbeiter der Aufklärung Rosa bereits als künftige Kundschafterin des Friedens, wenn man sie dereinst über Familienzusammenführung in den Westen schicken und als Nachwuchskader aufbauen würde.

Rosa aber hat vorläufig nur eines im Sinn, die vielleicht einmalige Gelegenheit beim Schopfe zu fassen, sich von der ihr verhaßten Familie zu befreien. Der Umstand, daß Kriemhild die Tochter in den ersten sieben Lebensjahren in einem Kinderheim untergebracht und nur alle ein bis zwei Monate für ein Wochenende zu sich nach Hause geholt haben soll, hat sich auf die Beziehung zwischen Mutter und Kind nicht eben günstig ausgewirkt. Seit Kriemhild mit dem Professor verheiratet ist und im September 1971 Mustafa Kemal zur Welt gebracht hat, lebt zwar auch Rosa als Mitglied der neuen Familie in der Käthe-Kollwitz-Straße, doch heimisch werden kann sie dort nicht. Ihr Zuhause ist das Heim, das sie als eine Art Rettungsinsel erlebt. Dort hat sie sich entgegen anderslautenden Meinungen wohl-, verstanden und angenommen gefühlt. Weniger von den Erziehern, um so mehr dafür von den Mitinsassen.

Je größer Rosa wird, desto mehr spürt sie die innere Ablehnung ihrer Mutter, die durch extremes Artikulieren eines jeden Wortes Abstand zum anderen zu schaffen versteht. Bühnendeutsch, so nennt sie diese Art des Gefühlskälte verbreitenden Sprechens.

All die Liebe, die Rosa noch nie in ihrem bisherigen Leben zuteil geworden ist, erhält Mustafa Kemal überreichlich; er wird gedrückt und geherzt, und sogar sein gleichfalls auf Distanz bedachter Vater, der Rosa als Onkel Herbert zusätzlich seelische Wunden beifügt, kann sich gelegentlich dem Sohn gegenüber zärtlicher Gefühlsäußerungen nicht enthalten.

Sogar Türkisch versucht er, wenn auch ohne allzu großen Erfolg, dem Kleinen beizubringen. Rosa spitzt die Ohren, saugt die Sprache in sich auf. Als der Professor einmal von türkischen Gastarbeitern zu hören bekommt, sie hätten sich mit der Stieftochter während seiner Abwesenheit auf türkisch unterhalten, ist er nicht wenig erstaunt. Was aber keineswegs bedeutet, daß er Rosa für diese außergewöhnliche Leistung Anerkennung zollen würde. Im Gegenteil. Er beschimpft sie unflätig, sie habe spioniert, sich ihr Wissen heimlich erschlichen. Er zwingt sie, sich auf alle Viere niederzulassen und wie ein Hund zu jaulen. Eigentlich müßte er sie nun, so meint er, wie einen Coyoten davonjagen, doch das wolle er vorläufig ihrer Mutter nicht antun.

Professor Stelzig ist ein eigenartiger Mensch, undurchschaubar und unberechenbar in seinen Reaktionen. Manchmal erinnert er an Puntila, der sich seinem Knecht Matti gegenüber im Rausch sehr menschlich verhält, sich im Zustand der Nüchternheit aber als schrecklicher Despot entpuppt. Professor Stelzigs Emotionen und Denken werden bestimmt von Bergen und Schluchten, schwingen sich zu ungeahnten Höhen empor, um gleich darauf in einen tiefen Abgrund versenkt zu werden. Wenn er von der Emanzipation der Frau spricht, hat er Atatürk als sein unerreichbares männliches Idol vor Augen, das in seinen Bemühungen zumindest Teilerfolge erzielen konnte, auch wenn die erst spät geschlossene Ehe mit einer um vieles jüngeren Frau gescheitert ist, scheitern mußte, auch weil er vergaß, die von ihm besuchten Huren programmgemäß auf das eigene Bildungsniveau zu heben. Doch mit seiner Adoptivtochter, die er zur ersten weiblichen Kampfpilotin der Türkei ausbilden läßt, hat er einen Erfolg vorzuweisen, der sich sehen läßt.

Mit Herbert Stelzig, der sich ein Leben lang als Atatürks Schüler ausgibt, ist es so, als mangelte es ihm schlicht an charakterlichen Möglichkeiten und Sensibilität, um die Verhaltensweisen des Meisters zu verinnerlichen und umzusetzen. Das deutsche Element seiner Erziehung in Verbindung mit einem wankelmütigen Charakter beherrscht ihn derart, daß unmenschliche Züge immer wieder die Oberhand gewinnen. Manchmal scheint er sogar darunter zu leiden, daß er die Stieftochter, wie er sich in lichten Momenten verstohlen eingesteht, so mies behandelt. Auch ärgert es ihn, daß sie dem Halbbruder an intellektueller Begabung haushoch überlegen zu sein scheint.

Herbert Stelzigs Wahrheitsliebe ist nicht übermäßig stark ausgeprägt. Selbst sein Exil könnte bei näherem Hinsehen, obwohl es rein physisch tatsächlich stattgefunden hat, als Lebenslüge begriffen werden. Jedenfalls passen seine später hervorragenden Kontakte zu den mit Hitler sympathisierenden Grauen Wölfen besser zur Ideologie des Dritten Reiches als zu seinem stets behaupteten Antifaschismus. Auch seine Auffassungen von Zucht und Ordnung, wie er sie der Stieftochter gegenüber durchsetzt, indem er nie davor zurückschreckt, die Seele des Mädchens durch einfallsreiche Erniedrigungen zu verletzen, fügen sich gut in intellektuell-faschistoide Erziehungsmethoden ein. Ja, da er körperliche Züchtigungen ablehnt, sich statt dessen auf ein Deformieren, ein Formen der Seele, wie er meint, beschränkt, schmerzen seine subtil brutalen Methoden noch mehr als ein auf das Hinterteil herabsausender Rohrstock.

Selbst Kriemhild, die stets alles und jeden zu durchschauen glaubt, wird ein Opfer jener mangelnden Wahrheitsliebe. Als sich Professor Stelzig, ein Herr mit grau melierten Schläfen, das Haar sorgfältig gescheitelt, in tadellos geschneidertem Anzug, akkurat gebundener Krawatte und blank gewienerten schwarzen Schuhen am 10. Mai 1970 in ein Café begibt, um seinen zweiundsechzigsten Geburtstag würdig zu begehen und vielleicht seiner Zukünftigen zu begegnen, die ihm von der Partnervermittlung empfohlen worden ist, steuert er schnurstracks auf jenen Tisch zu, an dem eine sechsunddreißigjährige arbeitslose Schauspielerin allein sitzt. In der Heiratsanzeige, auf die unter anderen Kriemhild Andernacht sich gemeldet hat, steht zu lesen: Aus dem Exil zurückgekehrter Geschichtsprofessor, einundfünfzig Jahre alt, 160 cm groß, gut aussehend, sucht nach schwerer Enttäuschung neue Partnerin zwischen 30 und 40 zwecks Familiengründung. Kind kein Hindernis. Wohnung vorhanden.

Professor Stelzig erweist sich als formvollendeter Kavalier. Nach der Begegnung im Café lädt er Kriemhild Andernacht zum Abendessen in ein Restaurant der gehobenen Klasse ein, entführt sie in einem nicht enden wollenden Monolog in eine Welt aus tausendundeiner Nacht. Kriemhild fühlt sich endlich angekommen an der Endstation ihrer Sehnsucht. Der kleine Mann, der hohe Absätze trägt, damit er die angegebenen 160 cm erreicht, flunkert der Heiratskandidatin vor, daß er heute seinen zweiundfünfzigsten Geburtstag feiere. Erst auf dem Standesamt wird der Professor entlarvt. Doch das stört ihn wenig, denn der Fisch zappelt bereits an der Angel.

Zwar ist der Professor, was nicht zu verheimlichen ist, augenblicklich, und der Augenblick ließe sich bei genauerer Betrachtung auf die letzten zweiunddreißig Jahre ausdehnen, etwas klamm, doch winkten, wie er mit unruhig flackerndem Blick versichert, von einem westdeutschen Verlag und aus der Türkei hohe Tantiemezahlungen für seine Geschichte der Türkei. Über Jahrzehnte habe man versäumt, den Absatz des Bestsellers ordnungsgemäß abzurechnen. Nun habe er einen Anwalt mit der Wahrnehmung seiner Interessen betraut. Mit anderen ausländischen Verlagen stehe er in Vertragsverhandlungen.

Das überzeugt Kriemhild Andernacht, zumal sie kein mißtrauischer Mensch und gern bereit ist, sich schlimmstenfalls noch ein bis zwei weitere Jahre einschränken zu müssen. Allein schon der Professorentitel ihres Mannes stärkt das lädierte Selbstbewußtsein, entschädigt sie für die Schmach der letzten Jahre, in denen sie in der Hauptstadt, nachdem sie sich in der Provinz mit fast allen Intendanten verkracht hatte, nur mehr ein Engagement als Souffleuse finden konnte. Damit würde nun endgültig Schluß sein. Als Frau eines Professors würde sie es nicht mehr nötig haben, die soziale und künstlerische Erniedrigung zu ertragen. Endlich würde sie wieder zuerst gegrüßt werden und könnte Menschen, die ihr den gebührenden Respekt versagten, einfach übersehen.

 

Seit jenen zwei obskuren Brief sind weitere fünf Jahre ins Land gegangen. Leo Kleinschmidts Vater hat die Unterhaltszahlungen wieder aufgenommen. Nun aber nicht an Kriemhild, sondern an das Kinderheim, das den Namen eines allseits beliebten und anerkannten sowjetischen Erziehers trägt, der sich schon Anfang der zwanziger Jahre  begeistert über den Umgang eines Tschekisten mit Kindern äußerte, der inzwischen zum Übervater der Stasi geworden war: Dzierżyński.

Leo Kleinschmidt ist ein Hasenfuß. Ein ungewohntes Selbsteingeständnis. Ansprüche an sich selbst und deren Umsetzung klaffen weit auseinander, als hätten sie miteinander nichts zu tun. Mehrmals zwischen 1977 und 1979 begibt er sich in die Nähe des Kinderheims, um Rosa aufzusuchen. Doch die Angst davor, mit seinem westdeutschen Paß und den statt in harter Währung von seinem Vater in Ostmark geleisteten Unterhaltszahlungen wegen Devisenvergehens in Schwierigkeiten zu geraten, lassen ihn in letzter Sekunde immer davor zurückschrecken, den Gebäudekomplex zu betreten und sich als Rosas Vater erkennen zu geben. Aber es könnte auch sein, daß sich dieses Umherstreifen in Heimnähe nur in seiner Phantasie abgespielt hat. Träume und Erlebtes verschwimmen in seiner Erinnerung zu einer neuen, einer sein Gewissen entlastenden, Wirklichkeit.

Sechshundert Kinder wohnen, auf sechs Häuser verteilt, in Zwei- und Sechs-Bett-Zimmern. Eine Kinderkrippe für Neugeborene, eine Schule und ein Verwaltungsgebäude ergänzen das Gebäudeensemble. Mädchen und Jungen leben Wand an Wand nebeneinander. Erzieher wachen Tag und Nacht darüber, daß ungewünschte Zweisamkeit zwischen den Pubertierenden nach Möglichkeit nicht stattfindet. Dennoch passiert es gelegentlich, daß die Unaufmerksamkeit der Erzieher dazu führt, daß neun Monate später ein neuer Erdenbürger in die Kinderkrippe umziehen wird, um entweder bis zum achtzehnten Lebensjahr Heimkind zu sein oder von einem politisch und moralisch zuverlässigen kinderlosen Ehepaar adoptiert zu werden. Zu einer Entbindung kommt es allerdings nur, wenn die Schwangerschaft der Kindfrauen vor den Erziehern lange genug verheimlicht werden kann und sich die Mädchen von der Mutterschaft eine andere Lebensqualität erhoffen, sich vom bevorstehenden Mutterglück die Beseitigung all ihres bisherigen Elends versprechen. Sollten sie in den ersten drei Monaten auffliegen oder von selbst darum bitten, von den unerwarteten Folgen einiger weniger Glücksaugenblicke befreit zu werden, ordnet die Vormundschaftsbehörde eine Schwangerschaftsunterbrechung und erhöhte Wachsamkeit an.

Daß Rosa nie in eine so mißliche Lage geraten ist, verdankt sie dem Umstand, daß ihr filigraner, knabenhaft wirkender Körper einfach noch nicht so weit ist, sichtbare, sich wölbende Spuren verbotener Zweisamkeit, geschehen mehrere Male in einem mit sechs Knaben belegten Zimmer, zu hinterlassen.

Nie hat Kriemhild der Tochter erlaubt, mit Puppen zu spielen, und  schließlich hatte Rosa das Interesse daran verloren. Ihre Puppen waren in den vielen Heimjahren Kinder. Wie kleine Mädchen Puppen aus- und anziehen, so hat sie das Vergnügen entdeckt, ihre lebendigen Mädchen- und Jungenpuppen zu entkleiden und hernach deren Blöße wieder zu verhüllen, die Wesen aus Fleisch und Blut zu liebkosen, an der Hand zu nehmen und zu umsorgen, für sie da zu sein, wie nie in ihrem dreizehnjährigen Leben jemand für sie dagewesen ist, es sei denn durch die ihr zuteil gewordene Lieblosigkeit der Heimerzieher, der Mutter und des Stiefvaters, der mit einem Lächeln auf den Lippen stets meinte, die Stieftochter als Stinkstiefel und Abschaum der Menschheit bezeichnen zu müssen, der es eigentlich nicht verdiene, auf dieser Erde zu wandeln. Ihr nie zur Ruhe kommendes Liebesbedürfnis, das fast schon eine Sucht genannt werden könnte, wird gestillt durch die Dankbarkeit derer, denen sie sich in nie ermüdender Fürsorglichkeit zuwendet, ihren wie auch immer gearteten Erwartungen zu entsprechen sucht. Ihr Liebesbedürfnis findet Befriedigung in der Erfüllung von Wünschen und Sehnsüchten anderer. Eigene Wünsche und Sehnsüchte kennt sie nicht, es sei denn, die leuchtenden Augen ihres Gegenüber seien die Erfüllung all ihres Sehnens.

Rosas nächtliche Ausflüge bleiben den Erziehern verborgen. Über das Fenstersims im ersten Stock schleicht sie sich wie ein Fassadenkletterer in das Jungenzimmer am anderen Ende des Gebäudes, um einige Stunden der Geborgenheit bei ihrem fünfzehnjährigen Freund, einem sympathischen Kleinkriminellen, zu verbringen, dessen Vorstrafenregister einstweilen noch keinen wirklichen Höhepunkt zu verzeichnen hat, auf Ladendiebstahl und zwei Einbrüche in Kioske zurückzuführen ist. Rosa hat sich vorgenommen, aus ihm einen anständigen Menschen zu machen, allerdings ohne ihn unbedingt von ihrer Meinung nach harmlosen Einbrüchen abhalten zu wollen. Die Welt des jungen Pärchens ist eine bipolare, in zwei Lager eingeteilt, das der feindlichen Erwachsenen und das der unter Liebesentzug leidenden Heiminsassen. In den gestohlenen Stunden ihres Liebesglücks schwören sie, anders zu werden, und sollten sie einmal selbst Kinder haben, diese bedingungslos zu lieben und ihnen blind zu vertrauen, um deren Selbstbewußtsein zu stärken.

Die Halbwüchsigen sind eine verschworene Gemeinschaft, in der für Spitzel kein Platz ist. Jedenfalls dringt weder aus dem Mädchen- noch aus dem Jungenzimmer etwas von Rosas halsbrecherischen Besuchen an die Ohren der Erzieher. Nur einmal wäre sie fast aufgeflogen, als sie bei Nieselregen ausrutscht, in die Tiefe stürzt, sich den Arm bricht und eine Gehirnerschütterung zuzieht. Doch die Erzieher schöpfen Verdacht und weigern sich, einen Arzt hinzuzuziehen, weil sie der Überzeugung sind, daß Rosa einen Selbstmordversuch unternommen habe, weshalb man hier aus erzieherischen Gründen kein falsches Signal setzen dürfe; Mitleid sei das Pathos der Schwachen. Selbst Jahrzehnte später noch machen sich die konsequent eingehaltenen pädagogischen Grundsätze durch einen schlecht zusammengeheilten Knochenbruch und häufige Kopfschmerzen bemerkbar, lassen das Heim nicht in Vergessenheit geraten.

Rosa verrät ihr Geheimnis schließlich selbst, nicht etwa, weil sie damit aufschneiden wollte, nein, vielmehr um den Freund zu schützen, ihm ein Alibi zu verschaffen. Im Heim ist ein Zweijähriger erdrosselt worden. Eine Mordkommission ermittelt. Neben anderen Heiminsassen nehmen die Ermittler auch Rosas Freund in die Mangel, glauben, daß er den scheußlichen Mord an dem Kleinen begangen haben könnte. Erstmals in ihrem jungen Leben ist Rosa, die während ihrer Heimkarriere schon des öfteren zur Kooperation mit der Polente aufgefordert worden ist, zu einer Aussage bereit, verschafft dem in Bedrängnis geratenen Freund ein Alibi, bestätigt, daß sie die fragliche Nacht eng umschlungen in seinem Bett verbracht habe. Mit mehr Details befriedigt Rosa die Neugier der Bullen nicht. Sie kann schweigen. Das hat sie immer wieder bewiesen. Unlängst erst, als sie ihrem Physiklehrer, der die Kinder auf Schritt und Tritt spüren lassen hatte, daß sie als Heiminsassen Menschen zweiter oder gar dritter Klasse seien, gemeinsam mit fünf weiteren Mädchen die Autoreifen seines Trabis zerstochen hatte, bewies sie ihre Standhaftigkeit, gab den Vernehmern, die der Verhaßte zu Hilfe gerufen hatte, eine Kostprobe von ihrer Kunst des Schweigens, machte ihrem Ruf als Rädelsführerin alle Ehre. Daß die Mädchen letztendlich angesichts der erdrückenden Beweislage überführt wurden und die Reifen von ihrem Taschengeld abstottern mußten, ist eine andere Sache.

Die kleine zierliche Person ist zur unumstrittenen Anführerin der Mädchenclique geworden, was um so erstaunlicher ist, als sie sich die Gossensprache in ihrer Gegenwart verbittet und für Heimverhältnisse ein fast peinliches Hochdeutsch spricht. Sie besitzt das Zeug zum Edelganoven. Als sie einmal im Zimmer ihres Freundes gesucht wird, schafft sie es, sich in einer Ecke unter der Bettdecke so klein zu machen, daß der Erzieher vergebens die Bettdecke lüftet, sie nicht entdeckt. Nachts klettern sie manchmal über die Mauer und ziehen als Jugendbande durch die Gegend, verüben Einbrüche, um an Spirituosen und Zigaretten zu kommen, werden allerdings erwischt und wären um ein Haar im Jugendwerkhof gelandet, wovor sie nur Rosas Strategie des Schweigens bewahrt, die auch von den anderen beherzigt wird.

Rosa mit ihrem Vornehmgetue wird belächelt und geliebt. Ihr Anderssein und die bedingungslose Solidarität gegenüber den jugendlichen Komplizen machen den Zauber ihrer Persönlichkeit aus. Eine besonders innige Freundschaft verbindet sie mit einem gleichaltrigen Mädchen, das zusammen mit ihren beiden Schwestern zwangsweise ins Heim eingeliefert worden ist, nachdem die Behörden zu der Überzeugung gelangt waren, daß die Arbeitsscheu der Mutter durch pädagogische Maßnahmen behoben werden müsse, zumal deren behaupteten Schwäche- und Fieberanfälle sowie eine fortwährende Unpäßlichkeit offensichtlich nur ein Vorwand sein konnten, um das vom Gesetzgeber unter Strafe gestellte Bummelantentum in einem besseren Licht erscheinen zu lassen. Nachdem die Sechsunddreißigjährige, wie von der Großmutter hinter vorgehaltener Hand zu erfahren ist, im Gefängnis an einer ausgebrochenen Tuberkulose stirbt, kümmert sich Rosa rührend um die Freundin, vernachlässigt sogar den Bettgenossen.

Die Polizei, die sich gern als Freund und Helfer der sozialistischen Bevölkerung sehen würde, leistet gute Arbeit. Nur etwa zehn Tage dauert es, bis der Mörder überführt ist: ein zwölfjähriger Einzelgänger, den Rosa, obwohl sie beide im selben Haus untergebracht sind, nur vom Sehen kennt. Er habe das Kind nicht umbringen, vielmehr nur das Licht der Welt ausschalten wollen, um mit dem Verglimmen der Lebenskerze auch selbst in das Dunkel der ewigen Nacht einzutauchen. Viel mehr ist aus dem introvertierten Täter nicht herauszubringen, der keineswegs aus einer Familie von Mordgesellen stammt, allerdings in eine Atmosphäre und ein Schicksal hineingeboren worden ist, die ihm den Weg in die Finsternis bereitet haben.